Stress und Tunnelblick: Stressbewältigung mit NLP (Präsenz-Anker)

(… ein Kapitel aus dem Buch “Der Teen-Coach – NLP für Jugendliche” über Stressbewältigung mit NLP. Die Beispiele lassen sich sehr leicht auf Erwachsene übertragen. Hier wird auch erklärt, was im NLP “Ankern” heißt, und eine Methode zum Selbst-Ankern von entspannter Aufmerksamkeit und wacher Präsenz gezeigt.)

Schon wieder viel zu spät aufge­standen? Die Haus­auf­gaben ver­gessen? Nörgelnde Eltern, ner­vige Geschwis­ter? Wenn du gestresst bist, dann schüttet der Körper Adre­nalin aus. Damit macht er sich bereit zum Kampf oder zur Flucht. Das ist ein Über­bleib­sel aus unserer bio­lo­gi­schen Geschichte; heut­zu­tage ist es zum Glück kaum noch nötig oder sinn­voll, körper­liche Gewalt einzu­setzen.
Aber für einen Stein­zeit­men­schen war es über­le­bens­wichtig, mit­tels dieses Adre­na­lin­stoßes blitz­schnell im Kampf­modus zu sein. Dadurch ver­engt sich auch sein Blick­feld: Er sieht nur noch mit Tunnel­blick und fixiert sich auf seinen Geg­ner oder seine Beute; alles andere ver­schwimmt im Hinter­grund. Stell dir vor, wie unser Stein­zeit-Ahne plötz­lich einem Löwen gegen­über­steht. Das wäre kein guter Zeit­punkt, sich durch die Umge­bung ablen­ken zu lassen: „Waah, ein Löwe! … aber hüb­sche Blumen wachsen hier …“
In Gefahren­situa­tionen ist dieser Tunnel­blick also sehr zweck­mäßig; dann kann es nötig sein, sich auf eine ein­zige Sache zu kon­zen­trieren. In unserem moder­nen All­tag begeg­nen wir aber kaum noch Löwen, und der Tunnel­blick macht es uns unnö­tig schwer, den Über­blick über die Situa­tion zu behalten.

Die meisten Menschen in unserer Zivi­li­sation bringen trotz­dem einen Groß­teil ihres Lebens im Stress-Modus zu! Wenn ihr Ver­hal­ten oder ihre Gedan­ken kriti­siert werden, dann fühlen sie sich per­sön­lich „ange­griffen“. Und anschließend kreisen die Gedanken um diesen Angriff: „Das hätte ich sagen sollen!“ – „So eine Frech­heit, was bildet der sich ein!“ – „Aber wenn der mir morgen wieder so blöd kommt, dann …!“ usw.

Der Körper bleibt im Stress-Modus, und dadurch kommt es ihm so vor, als wäre er ständig in Gefahr. Deshalb erscheint es so wichtig, weiter über die Situ­a­tion nach­zu­denken. Und so geht’s dann im Kreis: Gedan­ken erzeugen Stress, Stress erzeugt Gedan­ken. Dazu muss noch nicht einmal wirklich etwas passiert sein – es reicht schon die Vor­stellung, was passieren könnte!
Wahrscheinlich kennst du das auch. Vielleicht hattest du mal Angst vor einer Schul­arbeit oder einem Refe­rat, vielleicht hattest du Streit mit einer Freun­din oder du hattest Sor­gen, wie ein Freund sich verhalten wird …

Interessanterweise fällt es uns kaum auf, wenn wir mit diesem Tunnel­blick sehen! Wir haben uns so daran gewöhnt, dass wir ihn für nor­mal halten. Schon in der Grund­schule haben wir gelernt, uns zu „konzen­trieren“ – was bedeu­tete, ange­strengt auf ein Wort oder eine Zahl zu starren und alles andere in den Hinter­grund zu drängen.
Und weil alles andere im Hinter­grund bleibt, merken wir oft nicht einmal, dass wir über­haupt ange­strengt denken. Daher erinnern wir uns auch nicht, dass es eine Alter­na­tive gibt! Denn Konzen­tra­tion muss nicht mit  Stress und auch nicht mit Anstren­gung verbunden sein.

Wenn wir „in Gedanken sind“, dann richtet sich der Tunnel­blick auf einen Gedanken, dann auf seinen Nach­folger, dann auf den nächsten … Wir bleiben auf den Gedanken-Kanal fixiert, und der Rest der Welt bleibt im Hinter­grund. Dadurch erschei­nen die Gedanken-Inhalte so real. Das kann Spaß machen, wenn es sich um ange­nehme Tag­träume handelt. Meistens aber erzeugt dieser Gedanken-Tunnel ein eher dumpfes, enges, unbe­frie­di­gen­des Gefühl, so als wäre man nicht ganz da.

Wenn „du“ in so einem Gedanken-Tunnel bist (eigentlich ist ja nur die Auf­merk­sam­keit im Tunnel, nicht du), dann ist es oft schwie­rig, die Gedanken abzu­stellen. Denn der Gedanke „Ich will nicht mehr daran denken“ ist ja auch nur ein Gedanke mehr!
Viel leichter ist es, einfach auf den Raum zu achten, in dem du bist, deinen Körper zu spüren, die Geräu­sche um dich herum zu bemer­ken, die Gegen­stände oder Menschen um dich herum anzu­sehen … kurz gesagt: dein Bewuss­tsein zu erwei­tern, indem du deine fünf Sinne wieder in den Vorder­grund kommen lässt. Das belebt und erfrischt, und in dieser wieder­ge­fun­de­nen geis­tigen und körper­lichen Weite haben auch die Gedanken locker Platz. Sie erschei­nen jetzt nur nicht mehr so ernst und wichtig, nicht mehr als „Wirklich­keit“, sondern werden als „nur so Gedanken“ erkannt.

Dieser Trick, wieder mehr Raum ins Erleben ein­zu­lassen, wird dir auch helfen, wenn du mal einen Blac­kout hast, zum Bei­spiel in einer Schul­auf­gabe oder wenn du abge­fragt wirst. „Black­out“ heißt ja nichts ande­res, als dass du „den Faden ver­lo­ren“ hast: Die Gedanken­kette reißt plötz­lich ab, und es kommt nur noch der Gedanke: „Oh Gott! Oh Gott! Ich weiß nicht mehr weiter! Oh Gott!“ … in einer Endlos­schleife.
Wenn du in diesem Moment wieder zum Weite-Modus übergehst, dann löst sich diese Fixie­rung sofort, du hast wieder Über­blick über die Situa­tion und das Denken kann sich neu sor­tieren. Das klingt sehr einfach, und das ist es auch.

Dieser Weite-Modus bedeutet für den Körper: „Entwarnung! Keine Gefahr!“ – also kann er locker lassen. Und wenn du ent­spannt bist, hast du einfach mehr Über­blick, mehr Gelassen­heit, mehr Humor, mehr Flexi­bi­lität, mehr Spaß!

Per Schieberegler in die Gegenwart

Hier eine Methode, die du üben kannst (aber übe sie nicht in der Schul­auf­gabe!), um die Auf­merk­sam­keit wieder in die fünf Sinne zu lenken, so dass sie aus dem Tunnel­blick in die Weite des Erlebens zurück­kehrt (auch “Achtsamkeit” genannt):

• SEHEN:

Lege den kleinen Finger der linken Hand auf den Finger­nagel deines rechten Zeige­fingers. Stell dir den Zeige­finger als Schiebe­regler vor, der die Inten­sität des visuellen Erle­bens anzeigt (und später steuern wird): Je mehr das Sehen bewusst wird, desto mehr fährst du den Finger entlang in Rich­tung Handgelenk.

Stressebewältigung mit NLP:Anker

Jetzt achte auf alles, was du momen­tan sehen kannst. Wieviele Farben siehst du? Wieviele Schattie­rungen? Welche runden Formen und welche eckigen? Wie sind die Abstände zwi­schen den Gegen­ständen? Welche Bewegungen siehst du? Wie weit ist dein Blick­feld? Lass es noch weiter werden!

Während deine Aufmerksamkeit sich immer mehr aufs Sehen richtet, fahre mit dem linken kleinen Finger lang­sam den rechten Zeige­finger herab über den Hand­rücken bis zum Hand­gelenk. Das sollte etwa zwei Minuten dauern.

• HÖREN:

Jetzt lass den kleinen Finger weg und lege statt­dessen den linken Ring­finger auf den Finger­nagel des rechten Mittel­fingers, der zum Schiebe­regler fürs Hören wird.
Achte auf alles, was du jetzt hören kannst: die Geräu­sche im Raum und draußen, deinen Atem, viel­leicht ein Rauschen in deinen Ohren …
Nimm auch hier die Abstände zwischen ver­schie­de­nen Geräuschen wahr. Achte auch auf die Stille, aus der die Klänge her­vor­tre­ten, und die beson­ders „hörbar“ wird, wenn ein Geräusch endet.

Während deine Aufmerksamkeit sich immer mehr aufs Hören rich­tet, fahre mit dem lin­ken Ring­finger lang­sam den rechten Mittel­finger herab über den Hand­rücken bis zum Hand­gelenk. Das sollte auch wieder etwa zwei Minuten dauern.

• FÜHLEN:

Hebe den linken Ring­finger wieder auf und lege statt­dessen den linken Mittel­finger auf den Nagel des rechten Ring­fingers – unseren Start­punkt fürs Fühlen.
Achte jetzt auf alles, was du fühlen kannst: den Boden unter deinen Füßen (wenn du die Füße auf dem Boden hast); deine Strümpfe (wenn du welche trägst); das Gefühl, wenn du mit den Zehen wackelst; deine Fuß­sohlen; den Raum, den deine Füße und deine Hände ein­nehmen; deinen ganzen Körper und die Stellen, wo er die Umge­bung berührt (Boden, Sitz oder Bett); die Klei­dung an deinem Körper und die Luft, die deinen Körper umgibt; die Tem­pe­rat­ur; viel­leicht ein Luft­zug; das Heben und Senken der Brust beim Atmen; die Luft, die du in der Nase spürst – kühler beim Ein­atmen und wär­mer beim Ausatmen …

Während deine Aufmerksamkeit sich immer mehr aufs Fühlen richtet, fahre mit dem lin­ken Mittel­finger langsam den rech­ten Ring­finger herab über den Hand­rücken bis zum Hand­gelenk. (Wie üblich: ungefähr zwei Minuten.)

• RIECHEN/SCHMECKEN:

Statt dem Mittelfinger lege als letztes den Zeige­finger der lin­ken Hand auf den Nagel des rech­ten klei­nen Fingers. Dies wird der Schiebe­regler für Riechen und Schmecken.
Welchen Geschmack hast du gerade im Mund? Welche Gerüche nimmst du momen­tan wahr? Wenn du willst, kannst du an ver­schie­denen Gegen­ständen riechen (Blumen, Socken …).

Während deine Aufmerksam­keit sich immer mehr aufs Riechen und Schmecken richtet, fahre mit dem linken Zeige­finger lang­sam den rech­ten klei­nen Finger herab bis zum Handgelenk.

• ALLE SINNE GEMEINSAM:

Bisher haben wir die ganze Aufmerksamkeit auf jeweils einen Sinneskanal gerichtet (außer beim Riechen und Schmecken, die wir zu einem „Schieberegler“ zusammengefasst haben, weil sie so eng miteinander verwandt sind). Jetzt wollen wir alle Sinne gemeinsam erleben und intensivieren.

Lege dazu die vier Fingerspitzen der linken Hand auf die Fingernägel der rechten Hand (so wie vorher, aber diesmal gleichzeitig). Fahre nun mit den Fingern der linken Hand die Finger der rechten Hand entlang bis zum Handgelenk. Achte dabei darauf, wie die Sinne gleichzeitig erlebt werden und wie sie „raumfüllend“, klarer, weiter und lebendiger werden.Stressbewältigung mit NLP: Anker (Uptime)

Ergebnisse:

Nach dieser Übung berichten viele Leute, wie stark sich ihr Erleben ver­än­dert hat. Hier einige Beispiele:

• Farben werden intensiver, satter und leuch­ten­der wahr­ge­nommen (zum Bei­spiel „knallen“ Rot-Töne viel mehr); das Sehen wird schärfer und plastischer.

• Viel mehr Geräusche werden gleich­zeitig gehört und können klarer loka­li­siert werden; das Gehör ver­bes­sert sich und Klänge werden lauter.

• Die Gedanken haben auf­ge­hört oder sind in den Hinter­grund getre­ten, und die Ner­vo­sität, die mit vielen Gedanken ver­bunden ist, hat sich gelegt.

• Der Körper wird als Ganzes erlebt, statt dass nur ein­zelne Körper­teile bewusst sind; ein Gefühl wacher Ruhe breitet sich aus; es ist ein Genuss, ein­fach nur da zu sein und Sinnes­eindrücke zu erleben.

Du kannst natürlich ganz andere Erfah­rungen machen, das ist indi­vi­duell ver­schieden. Aber wenn die Übung funktioniert hat, dann besitzt du jetzt einen Schiebe­regler, der deine Auf­merk­sam­keit sanft und schnell in die sinn­liche Gegen­wart zurück­kehren lässt, in einen Zustand von Acht­sam­keit und Präsenz.

Stressbewältigung NLP-Anker

ANKER

Beim ersten Durchgang war das Entlang­fahren an den Fingern nur ein Anzeiger: Je inten­siver die Wahr­neh­mung eines Sinnes­ka­nals, desto mehr fährt der Finger in Ric­htung Hand­ge­lenk. Wenn dieser Zusammen­hang aber erst mal her­ge­stellt ist, dann funk­tio­niert er auch umge­kehrt: Wenn du die Finger ent­lang fährst, dann weiß der Orga­nis­mus (oder das Unbewusste): Aha, das bedeutet, die Auf­merk­samkeit auf die Sinne zu lenken. Je öfter du die Übung mit den ein­zel­nen Fingern wieder­holst, desto stärker wird dieser Zusammen­hang und desto leich­ter und schnel­ler kannst du in diesen ent­spann­ten, wachen Zustand kommen.

Die Verknüpfung eines Zustands mit einem Aus­löser (in unserem Fall dem Schiebe­regler) heißt im NLP „Ankern“. Jeder Bestand­teil einer Erfah­rung (also jeder Sinnes­ein­druck, der zu dieser Erfah­rung gehört) kann die ganze Erfah­rung wieder hervor­rufen: Die Erin­ne­rung ist an ihn „geankert“. Wenn du zum Bei­spiel ein Lied hörst, das in deinem letz­ten Urlaub immer in der Strand­bar lief, dann wird dieses Lied wieder Erinne­run­gen an den Urlaub wecken: Bilder vom Strand und von Leuten, die du getrof­fen hast, viel­leicht den Klang der Wellen, das Gefühl von Wärme und Sand und Salz auf der Haut … Das Lied ver­setzt dich wieder in Urlaubs­stim­mung; es ist ein Anker für Urlaubsstimmung.

Auch die Werbung arbeitet mit solchen Ankern: Du siehst im Fern­se­hen sexy Models, die auf einer tollen Party viel Spaß haben – und wünschst dir, auch zu diesen glück­lichen Party­gän­gern zu gehö­ren und viel Spaß mit Models zu haben. Im Werbe­clip läuft ein bestimm­ter Song und ein Pro­dukt wird dazu gezeigt. Egal ob Bier oder Kaugummi oder Handy oder Schuhe oder Shampoo – jeden­falls werden die schönen Bilder an die Party und den Wunsch, dabei zu sein, gean­kert. Im Unbewuss­ten entsteht eine Ver­bin­dung, als ob du auf die Party kämst, wenn du dieses Handy kaufst, oder als ob du zum Model würdest oder mit einem flirten würdest, nur weil du dieses Bier trinkst. Und jedes Mal, wenn du den Werbe­song hörst, werden diese Bilder in deinem Unbe­wussten wieder aktiviert.

Die Welt ist voller solcher Anker, und das lässt uns viel­leicht Dinge kaufen, die wir nicht brauchen („Aber du hast doch schon einen mp3-Player!?“ – „Ja, aber keinen von Apple, mit dem ich mich filmen kann, wie ich gerade 3D-Fotos mache, und das live auf YouTube über­tragen kann!“). Wir können uns Anker aber auch zunutze machen, so wie wir das in der vorigen Übung getan haben.

Ein Anker ist wie ein Akku. Lade ihn immer wieder mal auf, indem du bewusst darauf achtest, was du gerade siehst, hörst, fühlst, riechst und schmeckst, und dabei langsam die ein­zel­nen Finger ent­lang fährst. Dann kannst du ihn umso effek­tiver ein­set­zen, wenn du mit deiner Auf­merk­sam­keit „voll da sein“ willst. Um den Anker abzu­rufen, brauchst du nur den Teil, wo du alle vier Finger gleich­zei­tig entlang fährst. Probier das mal aus, wenn du dich besser kon­zen­trie­ren willst und wenn du Gedan­ken­schleifen unter­bre­chen möchtest. Aber auch einfach so, um die sinn­liche Gegenwart (das Eis, das Bad, das Bett …) mehr zu genie­ßen. Dieser Anker kann dich auch sehr viel wacher, auf­merk­samer und spon­taner im Zusammen­sein mit jemand anderem machen!

Prinzipiell kann jeder Zustand geankert werden. Ob er in einer bestimm­ten Situ­a­tion wieder abge­rufen werden kann, hängt davon ab, wie gut er zu ihr passt, wie stark der Anker und wie inten­siv der momen­tane Zustand ist.
An Depressionen wird ein Fröhlich­keits­anker nicht viel ändern. Ein Anker ist kein Knopf, den man auf einer Fern­be­die­nung drückt und der das Pro­gramm auf jeden Fall wechselt – sondern eher eine Erinne­rungs­hilfe fürs Unbewusste, ein Ange­bot, den momentanen Zustand zu ändern.

Manche NLP-Bücher vermitteln den Eindruck, als sollte man ständig an seinem Zustand rum­schrauben. Das nährt den Glauben, dass du oder dieser Moment oder das Leben ständiges Nach­hel­fen und Ver­bes­sern brauchen. Meistens weiß der Orga­nis­mus aber von selbst sehr genau, welcher Zustand gerade passt, und du kannst ihm darin ein­fach ver­trauen. Du willst dich ja auch nicht um die richtige Menge Sauer­stoff im Blut kümmern müssen oder beim Gehen jedem Fuß bei jedem Schritt sagen müssen, was er tun soll. Ohne diese Ein­mi­schung läuft „es“ einfach – von selbst.

Wenn das Denken sich aber mal wieder in End­los­schleifen ver­hed­dert oder sich eine Gewohn­heit hart­näckig hält, dann kann ein Anker dem Orga­nis­mus helfen, die Spur zu wech­seln, sich an ande­ren Erle­bens­weisen zu orien­tieren und sich auf einen pas­sen­den Zustand zu besinnen.

Dittmar Kruse


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Abwesenheit spüren?

Lieber Dittmar,

ich bin flei­ßig am Lesen dei­ner Texte und da hat sich fol­gende Frage auf­ge­tan: Wie kann ich spüren!, dass bei all die­sen (wider­sprüch­li­chen) Gedan­ken und Gefüh­len doch “nie­mand” da ist, der han­delt, son­dern alles von selbst geschieht?

Gele­sen habe ich bis­her viel; ver­stan­den ein wenig.


Darauf habe ich ein paar (wider­sprüch­li­che) Ant­wor­ten, aber nicht DIE Ant­wort.

1. Antwort: Wie könn­test du spü­ren, dass kein Gespenst im Zim­mer ist? Die Ab­we­sen­heit von “etwas” zu spü­ren, das ken­nen wir nur als Gefühl von Ver­mis­sen (“Ach, Schatzi …!”) oder Erleich­te­rung (wenn ein Schmerz weg ist).
Wenn es aber von vorn­he­rein nie ein Gespenst, ein Schatzi oder einen Schmerz gab, wie würde sich der “Unter­schied” anfühlen?

2. Antwort: Wider­sprüch­li­che Gedan­ken und Gefühle sind ja ein Hin­weis darauf, dass da keine Ich-Einheit als Ein­satz­le­iter dahin­ter­steht, sonst wären auch die Gedan­ken ein­heit­lich oder wir wären mit den Gedan­ken immer ein­ver­stan­den (d.h. keine ande­ren Gedan­ken wür­den ihnen wider­sprechen).
Das ist wie gesagt ein Hin­weis, kein Gefühl … Viel­leicht wird aber aus dem Hin­weis eine Erkennt­nis, die dann spü­rbar wird.

3. Antwort: In meinem Fall hat es sich so ange­fühlt, als wäre das, was den Laden zusam­men­zu­hal­ten schien, plötz­lich nicht mehr da. Das war, als ob ein Kleis­ter alle Gedan­ken und Gefühle und Emp­fin­dun­gen auf­ein­an­der bezo­gen hätte – und dann war da kein Kleis­ter mehr, son­dern nur noch frei schwe­be­nde Emp­fin­dun­gen und Gedanken …

Und daraus kam die Erkennt­nis: Da ist WIRKLICH nie­mand, der das alles macht! Es war also nicht so, dass ich erst etwas er­kannt hätte und diese Erkennt­nis dann spür­bar gewor­den wäre, son­dern ein “ener­ge­ti­sches Zusam­me­nhal­ten” hat auf­ge­hört und das wurde erkannt. Das, wo­für ich mich gehal­ten hatte, war nur eine Anspan­nung gewesen, ein Zusam­men­ziehen.

… So unge­fähr war es, das ist nicht wirk­lich in Worte zu fas­sen, und das heißt auch nicht: “So muss es sein”, so hab ich es halt erlebt.
Andere erle­ben das viel­leicht ganz anders (viel­leicht ganz undra­mat­isch, siehe die ers­ten bei­den Ant­worten).

Fazit (oder Zwischen­stand): Da tau­chen viele Gedan­ken und Gefühle und Sin­nes­ein­drücke auf. Taucht denn auch etwas auf, das du “Ich” nennst, oder ist das “Ich” nur der Inhalt von Gedan­ken … und da sind NUR Gedan­ken, Gefühle, Sin­nes­eindrücke?

(Suggestiv­frage!) (Aber interessant!)


Danke für die hilfreiche Antwort!

Zu 1: Ja es ist schwier­ig, etwas zu füh­len, was schon immer da ist. Manch­mal hab ich so ein Gefühl von Weite, Unend­lich­keit, Eins­sein, Glück­se­lig­keit. Das würde ich viel­leicht damit in Ver­bin­dung brin­gen. Das möchte ich natür­lich öfters spü­ren und mein Ego sagt: “Ja, such das, das ist gut” und schon sitze ich viel­leicht wied­er in der Tun-Falle.

Manch­mal taucht auch Angst auf. Was soll ich denn nur tun, wenn “nichts” mehr ist, wenn die Suche weg­fällt (hat Spaß gemacht zu suchen). Was soll ich jetzt tun? An was orien­tie­ren? Keine Wünsche, nur noch Reak­tion? Alles pas­siert von alleine; ich brau­che nichts mehr zu tun – außer das was ich tue. Komis­ches Gefühl.

Zu 3: Gestern Abend bin ich essen gegan­gen. Ich habe die Leute beob­ach­tet und da waren nur sinn­li­che Ein­drü­cke: Figu­ren sind gegan­gen, Töne waren zu hören, der Wind war zu spü­ren, alles war für sich. So wie du sagst, der Kleis­ter fehlte. Doch allzu schnell war ich wieder in allem ver­strickt.


Ja, das “Gefühl von Weite, Unend­lich­keit, Eins­sein, Glück­se­ligk­eit”! Das ist sehr schön, und es ist dann spür­bar, wenn die Auf­merk­sam­keit sich auf den Hin­ter­grund, die Quelle des Erle­bens rich­tet und darin aufgeht.

Dann werden auch die “Dinge” in einem neuen Licht gese­hen. Und dann ist es auch sehr ver­ständ­lich, dass ein Gedanke sagt: “Das will ich immer haben” (ein Gedanke macht noch kein Ego!).
Ich hab darüber mal ein Gedicht geschrie­ben, du fin­dest es hier: In voller Blüte.

Der Verstand ver­knüpft das Erle­ben von Eins­sein mit dem Empfin­den von Weite, weil “Es” da so klar und ein­drucks­voll und ein­deu­tig emp­funden wird.

Dann erscheint das Ein­set­zen von “nor­ma­len” Gedan­ken wie ein Rück­fall, wie eine Ver­strickung, und dann scheint es, als wäre der Kleis­ter wie­der da. Wenn aber keine Bedin­gun­gen daran gestellt werd­en, wie sich das Eins­sein zei­gen soll, dann ist das kein Kleis­ter, son­dern viel­leicht nur eine Emp­fin­dung von Anspan­nung oder eine Kon­ze­ntra­tion auf Inhalte, bei der der Hin­ter­grund wieder in den Hin­ter­grund tritt.

Daran ist nichts falsch. Es wider­spricht nur der Vor­stel­lung eines stän­di­gen Schwe­bens in der Glück­se­lig­keit, aber es ist halt das Leben in seiner gan­zen Viel­falt, wie Ein- und Aus­atmen.

Konzen­tra­tions­fä­hig­keit bleibt. Gedanken dür­fen kom­men. Sie sind weder ein schlech­tes Zei­chen noch wahr.

Und Wün­sche kom­men. Hun­ger ist der Wunsch nach Essen, Frie­ren ist der Wunsch nach Wärme. Alles ist völ­lig natür­lich. Nur ver­li­eren die Gedan­ken jede Glaub­wür­dig­keit, die behaup­ten zu wis­sen, wie das Leben (und damit ich) “eigent­lich” sein müsste. Und das Leben darf so sein, wie es jetzt gerade ist (als ob es jemals auf eine Erlaub­nis gewar­tet hätte!), mit allen Gedan­ken, Anspan­nun­gen und Ent­spannungen.

In dieser unbe­grenz­ten Erlaub­nis, in der Nicht-Identi­fi­ka­tion mit urtei­len­den Gedan­ken, sor­tiert sich das Erle­ben, Den­ken und Ver­hal­ten neu. Die Erkennt­nis ist nicht nur: “Da ist ja nie­mand”, nicht nur Abwe­sen­heit, sondern das Erle­ben, was statt­des­sen wirk­lich da ist: “Da ist Liebe.”

Die Aufmerksam­keit rich­tet sich immer mehr auf die Liebe aus wie Eisen­späne auf einen Mag­n­eten. In der Anzie­hungs­kraft der Liebe (“Weite, Unend­lich­keit, Eins­sein, Glück­se­lig­keit”) legt der Orga­nis­mus alte Mus­ter ab, die auf der Vor­an­nahme der Getrennt­heit gegrün­det sind. Der Blick bleibt immer mehr in der liebe­vollen Offenheit.

Das geschieht von selbst, aus Liebe zur Liebe. Mei­ner Erfah­rung nach wer­den nicht alle Mus­ter sofort und für immer abge­legt, son­dern in einem Lern­pro­zess: Das Leben lernt.

Akzeptanz leben

Hallo Dittmar,

bei mir läuft es recht gut. Aller­dings gibt es auch immer wie­der viele unan­ge­nehme Zustände, die da auf­tau­chen. Aber ich lerne, auch diese zu akzep­tie­ren, da auch sie erlaubt sind. D.h. eigent­lich brau­che ICH sie weder erlau­ben noch akzep­tieren, denn wenn die Zustände auf­tau­chen, sind sie ja bereits da und müs­sen dem­zu­folge nicht mehr akzep­tiert werden. 🙂

Die Idee, dass unan­ge­nehme oder uner­wünschte Gedan­ken und Gefühle NICHT da sein soll­ten (oder dür­fen), macht eigent­lich alles nur schlim­mer. Wenn man eine gute Zeit hat und man sich wohl fühlt, ver­sucht man natür­lich mit allen Kräf­ten, die­sen Zustand zu erhal­ten (zu “kon­ser­vie­ren”). Das funk­tio­niert aber lei­der nicht. Wenn ein unan­ge­neh­mer Zustand auf­taucht, will man ihn so schnell wie mög­lich los wer­den. Auch das funk­tio­niert nicht. Der Zustand bleibt, so lang er eben bleibt.

Ich merke, wie sehr man durch die jahre­lange Suche und das viele Lesen von Spirit-Litera­tur, das Auf­suchen von Sat­sang-Lehrern usw. doch voll­ge­stopft ist mit Vor­stel­lun­gen, was das Erwa­chen angeht. Ich finde das auch bei dei­nem Gesprächs­kreis manch­mal etwas schwie­rig, da ich spüre, wie sehr manche an diesen Vor­stel­lun­gen hän­gen, dass nach dem Erwa­chen bestimmte Zustände nicht mehr aufzu­tau­chen haben. Ich sehe da eine Wei­ge­rung, mit DEM umzu­gehen, was DA ist. Wie siehst du das denn?

Im Moment beschäf­tige ich mich kaum mit diesem gan­zen “Erleuch­tungs­kram”. Ich beob­achte ein­fach das Leben. Von Moment zu Moment. Und ich sehe auch, wie die Gedan­ken immer wieder alles als “meins” in Besitz neh­men wol­len. Dabei hat das alles im Grunde über­haupt nichts mit “mir” zu tun. Und es sind halt auch ein­fach nur Gedan­ken, die auf­tau­chen und wie­der verschwinden. 

Herzliche Grüße


Liebe …,

das mit der Akzeptanz ist eine sehr interes­sante Frage.

Dass es kein “Ich” gibt, ist intel­lek­tu­ell sehr leicht zu ver­ste­hen – nur macht diese intel­lek­tu­elle Ein­sicht (mei­ner Ansicht nach) sehr wenig Unter­schied, son­dern ist ein­fach nur eine neue Phi­lo­so­phie mit den übli­chen Dogmen.

Ichlosigkeit wirklich zu erleben, das ist ein gro­ßer Unter­schied. Das heißt erle­ben, was durch Ich-Vorstel­lun­gen ver­schlei­ert wurde: diese abso­lute, all­ge­ge­nwär­tige, unbe­dingte, bedin­gungs­lose Liebe, die sich als alles manifestiert.

Es fällt nicht wirklich ein “Ich” weg (das ja nie exis­tiert hat), sondern der Glaube daran, die Gefühls­reak­tio­nen, als ob es ein Ich gäbe – sowohl im “eige­nen” Orga­nis­mus als auch in den “anderen”.

Was bleibt, ist das ErLeben als unge­teil­tes Gan­zes mit allen Erschei­nun­gen darin: Sinnes­ein­drücke, Gedan­ken … Ein Erle­ben, dass alle Erschei­nun­gen “innen” und “außen” Aus­drucks­for­men der­selben liebe­vol­len Leben­dig­keit sind.

Diese eine Leben­dig­keit in allem ist Liebe, Frieden, Frei­heit, diese gan­zen Hippie-Begriffe. Das ist meiner Auf­fas­sung nach das ein­zige, worauf es ankommt. Nicht intel­le­ktu­elle Klar­heit, sondern Liebe.

Zum Akzeptieren und zur Unnö­tig­keit des Akzep­tie­rens: Ja, was erlebt wird, ist schon da und war­tet nicht auf Akzep­tanz. Und ja, Ver­bote und “Sollte”s machen einen Zustand eher schlim­mer, ver­festigen ihn eher.

Die Abwesenheit von “Sollte”-Denken bedeu­tet aber weder Resi­gnation noch Passivität.

“Ich habe Hun­ger – mei, so ist es halt”, das ist ja nur dann sinn­voll, wenn es keine Möglich­keit gibt, an Essen zu kom­men, oder wenn man fas­ten will. Im Normal­fall heißt Akzep­tanz nur das Wahr­neh­men des Hun­ger­ge­fühls. Dann kann auf diese Wahr­neh­mung eine Hand­lung folgen, nämlich, etwas zu essen.

Oder “Ich habe immer wieder Rücken­schmerzen – mei, so ist es halt” im Gegen­satz zur (akzep­tie­ren­den, neu­gie­ri­gen, liebe­vol­len) Erfor­schung, wo die Schmer­zen sind, wann sie auf­tau­chen (bei wel­cher Bewe­gung /Hal­tung), ob es andere Bewe­gungs­mus­ter gibt, die den Schmerz nicht aus­lösen, usw.

Durch (z.B. Feldenkrais-) Experi­mente lerne ich sinn­vol­lere Bewe­gungs­mus­ter und dadurch habe ich viel weni­ger Schmer­zen als frü­her. Die Experi­mente begin­nen mit “Akzep­tanz”: mit Bewusst­heit über eine Bewe­gung und wie sie sich anfühlt. Dann pro­biert der Kör­per Vari­a­tio­nen aus, und wenn die sich besser = leich­ter anfüh­len, über­nimmt er sie. Viel­leicht nicht sofort in jeder Situ­a­tion, aber das Ler­nen des Neuen und Able­gen des Alten hat begonnen.

Wozu Zähne putzen, wozu Haare und Nägel schnei­den, statt sie zu akzep­tie­ren, wie sie sind? “Das Shirt passt mir nicht mehr /ist schmut­zig /zer­schlissen – naja, ich akzep­tiere, dass ich es trage” ist nicht wah­rer /freier /ich­loser /akzeptie­ren­der als “… und ich lege es ab.”

Was für diese körperlichen Bei­spiele gilt, stimmt meiner Ansicht nach genauso für mentale Erschei­nun­gen: Gedan­ken und Emotionen.

Manche alten mentalen Muster tau­chen bei mir immer noch auf, vor allem Bedin­gungen, wie andere Leute mich behan­deln soll­ten. Wenn so eine Bedin­gung ver­letzt wird (“He, rede nicht in so einem Ton­fall mit mir, unter­brich mich nicht! …”), dann kommt Wut auf und die Auf­merk­sam­keit ver­engt sich aufs Durch­set­zen der Bedin­gung. Ein Streit-Modus setzt ein, wodurch die Liebe und der Frie­den, die sonst als Grund­zu­stand da sind, in den Hinter­grund des Erle­bens gera­ten. Das fühlt sich schmerz­haft an. Und nicht wie ein kla­rer, ein­deu­ti­ger Aus­druck von Liebe, Frie­den und Frei­heit, son­dern wie Ärger, Kampf und Zwang.

Wenn ich schaue, wozu die­se Bedin­gun­gen ursprüng­lich über­nom­men wur­den, dann sehe ich, dass sie Liebe, Frie­den und Frei­heit ver­spro­chen haben, und dass die “Wehe-wenn!”-Mechanismen für die Durch­set­zung der Bedin­gun­gen kämp­fen, um Liebe, Frie­den und Frei­heit zu ermög­li­chen. Was sie errei­chen wol­len, ist genau das, was ohne Kampf schon da ist, und was im Kampf in den Hin­ter­grund gerät.

Diese Bedingungen werden nicht von “mir”, von keinem “Ich” gestellt und sind auch nicht für den Orga­nis­mus wichtig, son­dern sie sind ein­fach nur kon­di­tio­nierte Vor­stel­lun­gen, wie “es” sein sollte. Auto­ma­ti­sche Mus­ter, wie Selbst­schuss­an­la­gen. Und daher geht es nicht mehr darum, andere daran zu hin­dern, in die Licht­schran­ke zu lau­fen und die Selbst­schuss­an­lage aus­zu­lö­sen, son­dern darum, die Selbst­schuss­an­lage zu deaktivieren.

Das ist keine Arbeit und keine Tech­nik, sondern kommt von selbst durch die klare Erkennt­nis, was die Anlage/Bedin­gung bringt (Stress) und was sie kos­tet (Frieden).

Ich will einfach lieber feiern. Das heißt nicht, dass immer alles lus­tig sein muss, es gibt ja auch Trauer­feiern. Meinem Vater geht’s z.B. grad ziem­lich schlecht, da bin ich trau­rig und finde es völ­lig ok, sowohl was mit ihm geschieht als auch mein Gefühl dazu, das sehr fried­lich ist. Aber Streit fühlt sich wie eine Unter­bre­chung der Feier an, unfried­lich, “unangenehm”.

Und wenn ich schaue, welche Zustände unange­nehm sind, dann sind die immer die Reak­tion auf eine Bedin­gung, deren Nicht­er­fül­lung “unan­neh­mbar” scheint. Anders gesagt: Sie wei­sen auf einen ein­zi­gen Gedan­ken hin, der in vie­len For­men behaup­tet: “Es soll anders sein.”

Wendet sich die Aufmerk­sam­keit von ihrer liebe­vol­len, fried­lichen Quelle ab, um die­sem Gedan­ken zu die­nen? Oder sieht sie ihn mit liebe­vol­len, fried­li­chen Augen als die Ver­wir­rung, die er ist? Sieht sie, dass das Aus­agie­ren die­ses Gedan­kens “Es soll anders sein” Schmer­zen statt Freude bringt, dann hat der Gedanke keine Moti­va­tion, keine Ener­gie mehr.

Es fühlt sich ein­fach so viel bes­ser an, der Welt nicht vor­schrei­ben zu müs­sen, wie sie sein soll, son­dern sie frei zu las­sen und dadurch frei zu sein! Nicht aus ohn­mäch­ti­ger Resi­gnation, son­dern aus Liebe. Die Liebe gilt sich selbst, unab­hän­gig von Erschei­nun­gen. Und sie gilt dem Erschei­nen­den, frei von Bedingungen.

Das ist für mich ein neues /altes Krite­rium, ob die Situ­a­tion ein kla­rer Aus­druck von Liebe ist. Nach dem flash­igen ers­ten Erle­ben, dass kein Ich und keine wirk­liche Tren­nung exis­tiert, und dass nichts dazu gesche­hen muss, um einen “Zustand der Ich­losig­keit” zu errei­chen, war ich über Jahre fas­zi­niert davon, dass auch das Stellen von Bedin­gun­gen und die daraus resul­tie­rende Wut, wenn sie nicht erfüllt sind, genau­so Erschei­nungs­formen der­sel­ben Leben­dig­keit sind. Das sehe ich immer noch so. Aber ebenso wahr ist, dass es im Leben keine Stag­na­tion gibt und dass das Leben – vor allem in /als Menschen – immer weiter lernt und sich ent­wickelt. Dass es Behin­de­run­gen abstreift. Dass es alte Ver­hal­tens­wei­sen und Aus­drucks­for­men ablegt und schö­nere fin­det. Des­halb ler­nen Kin­der einen immer grö­ße­ren Wort­schatz, immer mehr Fähig­ke­iten, immer geschmei­di­gere Bewe­gung­smus­ter. Des­halb ler­nen Men­schen Musik­ins­tru­mente oder Yoga oder Tai Chi oder Knut­schen. Schöne, freie Aus­drucks­for­men der Liebe und Leben­dig­keit und Verbundenheit.

Dadurch wird keine “höhere Stufe” erklom­men, sondern ler­nende Intelli­genz lebt sich aus, sonst nichts.

Kleiner Nach­trag: Stel­len­weise habe ich in “So ist das”-Sprache geschrie­ben. Die Mail ist aber nicht als Emp­feh­lung gemeint, nicht als all­ge­mein­gül­ti­ges “So soll es sein”, son­dern als Beschrei­bung mei­nes Erle­bens, als Ant­wort auf die Frage, “wie ich es denn sehe”.

Liebe Grüße
Dittmar

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Die “Ich”-Vorstellung

Was in diesem Buch das “Ich” genannt wird, ist die Vor­stel­lung, vom Rest der Welt getrennt zu sein: ein eigen­stän­diges Wesen, das Ent­schei­dun­gen trifft und sie in die Tat um­setzt. Doch der Den­ker, Ent­scheider, Macher, für den wir uns hal­ten, exist­iert nur in Ge­dan­ken. Das “Ich” ist kein Wesen, sondern eine Akti­v­ität: eine Inter­pr­eta­tion, die alles Er­leben auf ein imagi­nä­res Zent­rum be­zieht. Dieses Zen­t­rum scheint allem “ande­ren” ge­gen­überzustehen.

Vom “Gegen­über”-Stand­punkt aus betrach­tet erscheint die Welt als Pro­blem. Wir sehen uns mit der Schwie­rig­keit kon­fron­tiert, dem Leben die Erfül­lung unse­rer Wün­sche ab­zur­in­gen: fest­zu­hal­ten, was das “Ich” stärkt, und fern­zu­hal­ten, was ihm nicht ins Kon­zept passt. Das “Ich” ver­spricht die Macht, das Leben wunsch­ge­mäß zu steu­ern. Aber der Preis für diese Vor­stel­lung ist, dass immer etwas zu feh­len scheint. Denn das “Ich” ist nur eine Fik­tion, und wenn wir uns auf eine Fikt­ion redu­zie­ren, dann füh­len wir uns unvoll­stän­dig und irgend­wie irreal.
Weil das “Ich” auf so wack­li­gen Bei­nen steht, ver­langt es viel Bestä­ti­gung und Liebe und ent­puppt sich über­haupt als sehr war­tungs­in­ten­siv. Es ist sein eige­nes Sor­gen­kind, stän­dig auf der Suche nach etwas “ande­rem”, das ihm Kraft und Sicher­heit ver­lei­hen könnte. Von der Erfül­lung seiner Bedin­gun­gen erhofft es sich das Ende sei­nes Lei­dens. Aber eigent­lich lei­det es unter der schein­ba­ren Tren­nung von allem “ande­ren”, die es nie über­win­den kann, weil es nur in der Illus­ion von Getrennt­heit und Eigens­tän­digk­eit besteht.

In der “Ich”-Vorstel­lung endet die Suche, wenn alle Wün­sche er­füllt sind. Aber hat das schon jemals funk­tio­niert? Wie lange dau­ert es, bis die Unzu­frie­den­heit wieder auf­flammt, die das “Ich” und damit die Suche in Gang hält? Es ist, wie wenn man einen Luft­bal­lon zusam­men­drückt: Die Luft darin ver­schiebt sich nur an eine andere Stelle. Wenn dieser Mecha­nis­mus durch­schaut wird, dann rich­tet sich die Ver­än­de­rungs­lust schnell auf das “Ich” selbst. Jetzt ver­sucht es, “bes­ser” zu wer­den (beson­ders spi­ri­tu­ell, beson­ders lie­bev­oll …) oder sich im Stre­ben nach Erleuch­tung sogar ganz auf­zu­lösen.
Aber wenn die Suche auch nur für einen Moment auf­hört, dann zeigt sich etwas Über­ra­schen­des: Was gesucht wurde, ist schon hier – die Prä­senz, in der alles er­lebt wird. Alle Bedin­gun­gen und Vor­be­halte, die ans Er­leben gekop­pelt waren, ver­lie­ren ihre Bedeu­tung, und die Gegen­wart, so wie sie gerade erscheint, wird als Erfül­lung erkannt. Die Liebe, die immer gesucht und meis­tens über­se­hen wurde, ist das Er­le­ben selbst! Nichts Be­son­de­res, sondern alles.

(aus “Problemzone Universum – Vorhang auf für die Ich-Vorstellung”)Nondualität, Nicht-Dualität: Problemzone Universum (Cover)

Aus allem schaut dasselbe

Lieber Dittmar,

1.) Zum Thema: Die Erfah­rung zu haben, alles zu sein. Da höre ich dich gleich sagen: “Das ist auch nur eine von vie­len Erfah­run­gen.” 🙂 Also ich höre es immer wie­der mal, dass Men­schen sagen, sie hät­ten diese Erfah­rung. Mir kommt sie sehr erstre­bens­wert und sehr ver­lo­ckend vor. Wür­dest du sagen, dass es eine Erfah­rung ist, die kommt und geht und uner­heb­lich für das Erwa­chen ist? (Bei der Frage merke ich natür­lich ein “Haben wol­len” bzw. ein “Hin­kom­men wollen”.)
Ich frage mich manch­mal, ob diese Erfah­rung nicht ein­fach so geschieht, wenn sich “Bewusst­sein bewusst bewusst ist”, wie du es mal so schön aus­ge­drückt hast. Also eine Erfah­rung, die “ich” öfters mache. Doch meis­tens denke ich doch, dass es eine beson­dere Erfah­rung ist. Am Anfang meiner Sat­sang-Zeit hatte ich ja auch öfter beson­dere Erfah­run­gen davon, jeman­den anzu­se­hen und das Gefühl zu haben, ich schaue mich an oder das Sehen, dass das Gött­li­che durch alle Men­schen schaut und alle Aus­druck des Gött­lichen sind.

Das führt mich gleich zu der zwei­ten Frage:

2.) Du erwähn­test beim letz­ten Gesprächs­abend die Erfah­rung, dass aus allem das­selbe schaut … Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich da weiß, was du meinst. Ich sehe es so, dass das wie­der etwas ande­res ist als meine Erfah­rung damals. Und mein Gefühl ist, dass diese Erfah­rung mir irgend­wie auch ver­traut ist – wenn ich der Fein­heit der Erfah­rung traue … Wie ist deine Erfah­rung dazu ?

3.) Die dritte Frage ist nicht so leicht zu for­mu­lie­ren – aber ich ver­such’s mal: Wenn du sol­che Sachen sagst wie: “Statt Gedan­ken zurück­wei­sen lie­ber dem ver­trauen, was jen­seits der Gedan­ken ist” oder “Glück ist, wenn die Gegen­wart inte­res­san­ter ist als das, was gedacht wird”, dann liebe ich das! Aber ist da nicht auch bei mir der Ich-Gedanke am Werk, der sieht, dass es bes­ser ist, mit der Auf­merk­samk­eit in der Gege­nwart zu ruhen? Oder ist es eher so gemeint, dass das von dir (als ein Aus­druck des Lebens) gesagt wird und dann von uns (als Aus­druck des Lebens) gehört wird? Das soll hei­ßen, dass es das Leben zum Leben sagt…..

Ganz liebe Grüße


Lieber …

Das Erleben, dass da nur Eins ist, das sich in unend­lich vielen For­men zeigt, IST das Erwa­chen (in meiner Beschrei­bung). Dass alle “ande­ren”, alle Empfin­dun­gen, Wahr­neh­mung­en, Gedan­ken usw., alles Aus­drucks­for­men des­sel­ben Abso­lu­ten sind. Aus­druck der einen lie­be­vol­len Leben­dig­keit, die alles erfüllt, alles ist. Das wird klar und fühl­bar, sobald sich die Auf­merk­sam­keit dem Bewusst­sein zuwen­det und “Bewusst­sein bewusst bewusst” ist. “Alles ist Das”, “alles ist Ich”, “alles ist Du” … das ist alles das­selbe.

Wenn die Auf­merk­sam­keit sich auf  eine spe­zielle Erschei­nung­(sform) kon­zen­triert, dann kann dieses Erken­nen des Einen als Eins in den Hin­ter­grund tre­ten. Aber es erscheint nie “anders”, nie als ob etwas die Getrennt­heit bestä­ti­gen würde oder die Illu­sion glaub­haft machen würde. Das, was “andere” anschaut, ist das­selbe, was durch sie zurück­schaut. Was schaut ist was schaut. Da ist nur Schau(en). Die Erfah­rung ist ver­traut und immer wie­der ganz neu, nie “Jaja, ich weiß schon”; sie “bleibt” ein­zig­ar­tig und nutzt sich nicht ab. Und sie ist nie “weg”, sondern manch­mal im Hin­ter­grund und manch­mal im Vor­der­grund des Erlebens.

Ich erkenne kein­en Unter­schied zwi­schen Frage 1.) und 2.), viel­leicht hilfst du mir da auf die Sprünge?

Frage 3.) Ja, das Leben sagt es zum Leben. 🙂
Wenn jemand sagt: “Weißt du, was super schmeckt? Wenn du ein Fit­zel­chen Zitron von Schale in den Espresso tust!” (Bonus­frage: Zitat aus wel­chem Film?), dann kann der Gesprächs­part­ner sagen:
a) “Ok, das probiere ich mal aus!”
b) “Stimmt, das ist auch meine Erfah­rung!” / “Mir schmeckt das gar nicht!”
c) “Ich will das nicht aus­pro­bieren!”
d) “Aber da ist ja niem­and, der das aus­pro­­bieren kann!”

Bei Antwort d) weißt du: Der hat Advaita­bücher gelesen.
Natür­lich kön­nen Empfeh­lun­gen hilf­reich sein! Natür­lich brau­chen sie kein “Ich”, um aus­pro­biert zu wer­den! Und natür­lich kann ein “Ich”-Gedanke sie sich aneig­nen, so wie er sich alles aneig­nen kann, auch den Gedan­ken “Da ist ja nie­mand, der das aus­pro­bie­ren kann! … und ich bin jemand, der das erkannt hat.” Aber Aus­pro­bie­ren kann gesche­hen und geschieht.
Es stimmt auch, dass Empfeh­lun­gen die Illu­sion eines Machers ver­stär­ken kön­nen – vor allem wenn es um angeb­liche Schritte geht, die der Macher tun kann, um seine Abwe­sen­heit zu erkennen.

Die Beschrei­bung, dass die Gegen­wart inte­res­san­ter ist als die Gedan­ken, lenkt die Auf­merk­sam­keit auf eine ein­fa­che und sofort über­prüf­bare Tat­sa­che, so wie die Aus­sage: “Da ist die Schwer­kraft, sie ist spür­bar.” Die Aus­sage kann gedank­lich auf­ge­fasst wer­den: “Ok, das werde ich bei Gelegen­heit mal anwen­den!”, oder erlebt wer­den. Gedank­lich auf­ge­fasst ist es halt nur ein Gedanke mehr.
Erlebt ist es ein Erken­nen der Wirk­lich­keit. Ein Erken­nen der Liebe im Moment und zum Moment, ein Wieder-Erken­nen der Liebe dies­seits und jen­seits von Gedan­ken. Und ein momen­ta­nes Los­las­sen der Gewohn­heit, Gedan­ken mehr zu ver­trauen als dem ErLeben. Liebe, Frie­den, Frei­heit sind im gegen­wär­ti­gen Schauen. Das ist, was alle wollen. Nur suchen viele in Gedan­ken nach Wegen, die zu Liebe, Frieden und Frei­heit füh­ren. Die Reak­tion auf “Schau!” ist Schauen (ohne “jeman­den, der schaut”) … oder eben Gedan­ken, die be­grün­den, warum Schauen nicht möglich /nicht nütz­lich /nicht nötig ist.

Eins noch zum Haben-Wollen: Tau­send Beschrei­ber beschrei­ben ihr Erle­ben auf tau­send Arten. Ich habe mal von einem gele­sen, der seit dem Erwa­chen alles in glei­ßen­dem Licht sieht, was beim Schla­fen läs­tig sein könnte. Das ein­zige Kri­te­rium, das ich inte­res­sant finde, ist: Ist es Liebe, dann ist es Wach­heit. Alles andere ist egal.
Natür­lich will jeder Liebe erle­ben, weil er Liebe ist.

Liebe & Grüße!
Dittmar

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Die Antwort auf alle Fragen

Lieber Herr Kruse,

heute Vormittag habe ich Ihr Buch „Glück ohne Schmied“ gelesen. Obwohl “ich” (ich verzichte künftig auf die Anführungs­zeichen, Sie kennen ja das Dilemma der Spra­che) mit dessen Grund­aus­sagen bereits lange vertraut bin, hat mich die Lektüre doch wieder daran erin­nert, den Fokus genauer auf die Wahr­neh­mung, auf das direkte Erle­ben, zu rich­ten und dadurch das perma­nente Wunder des Seins zu erkennen. Dafür danke ich Ihnen herz­lich! Sie laden den Leser am Ende Ihres Buches dazu ein, Ihnen zu schreiben und auf­tau­chende Fragen zu stellen. Diese Gele­gen­heit möchte ich gerne wahrnehmen.

Seit einem „Einheitserlebnis“ vor vier Jahren habe ich das „Sein“ für ca. eine Stunde direkt erlebt, ohne ein­engende, da nicht „ernst genom­mene“ Gedan­ken (resp. Geschich­ten, Konzepte etc.). Seit­dem ist mir bewusst, dass es nur den jetzigen Moment gibt, dass Ver­gan­gen­heit und Zukunft nur Geschich­ten sind, genauso wie das Kon­zept des „Ich“. Besonders ent­schei­dend war für mich die Ein­sicht, dass auf­tau­chende Gedanken über­haupt kein „Problem“ sind. Pro­ble­ma­tisch kann’s erst dann werden, wenn man diese Gedan­ken (etwa den „Ich-Gedanken“) für mehr nimmt als eben – einen Gedanken.

So weit, so gut. Woran ich dann aber doch immer wieder hängen­bleibe, sind Fragen, die sich auf die „Wirk­lich­keit“ der Welt bezie­hen. Gibt es die Welt über­haupt? Gibt es den eigenen Kör­per? Oder sind auch dies nur Gedan­ken­ge­bilde, Kon­zepte? Für mich spitzte sich diese Frage vor allem zu einer Frage zu: Sind meine Gedan­ken die Pro­dukte meines Gehirns oder ist mein Gehirn das Pro­dukt meiner Gedan­ken? Aus kon­se­quen­ter (meinet­wegen: phä­no­me­no­lo­gi­scher) Per­spek­tive müsste m.E. die zweite Ant­wort die richt­ige sein. Alles ist letzt­lich ein Gedanken­kon­zept, das eben im Jetzt, im direk­ten Erle­ben, auf­taucht, aber gewis­ser­ma­ßen keinen „onto­lo­gi­schen Sta­tus“ besitzt. Und dies gilt denn auch für Kon­zepte wie Kausa­li­tät und Zeit. Würden Sie dieser Eins­chät­zung zustimmen oder nicht so weit gehen?

Besonders intensiv taucht „hier“ immer wieder die Frage nach der „Wirk­lich­keit“ des „ander­en Men­schen“ auf. Ich bin mir mitt­ler­weile bewusst (diese para­doxe For­mu­lie­rung ist freil­ich nur der Spra­che geschul­det), dass es das „Ich“ als Ins­tanz nicht gibt, dass das „Ich“ ledig­lich ein Kon­zept ist wie „Du“ und „Menschen“ all­ge­mein. Das Ein­zige, was ich nicht nur als Kon­zept erlebe /begreife, ist das „direkte Erle­ben“, die Wahr­neh­mung mit all ihren Aspek­ten (formu­liere ich es so, ist es natür­lich nicht mehr die direkte Wahr­nehmung – das ewige Dilemma der Mys­tik …). Aber: Die „direkte Wahr­nehmung“ ist „hier“, das ist mir ein­deu­tig evi­dent, gerade weil sie kein Nach-Denken benö­tigt. Inwie­fern kann ich aber wissen, ob es die „direkte Wahr­neh­mung“ „dort“ (beispiels­weise „bei Ihnen in München“) auch gibt?

Ist das nicht einfach wieder nur ein Gedanke, der eben „bei mir hier“ auf­taucht, aber eben nur ein Kon­zept ist? Oder aus Ihrer Per­spek­tive for­mu­liert: Können Sie wissen, ob „dort“ (bei­spiels­weise „bei mir in Berlin“, eben nicht bei Ihnen) eben­falls direk­tes Erleb­en statt­findet? Und wenn dies nicht mög­lich ist, liefe das nicht auf ein solip­sis­ti­sches Welt­bild heraus – freilich auf einen Solip­sismus ohne Ich?

Lieber Herr Kruse, ich weiß weder, ob ich Ihnen das Pro­blem, das hier immer wieder auf­taucht, einige­rmaßen ver­ständ­lich machen konnte. Noch weiß ich, warum ich Ihnen dieses Pro­blem über­haupt mit­teile. Viel­leicht ist hier die Hoff­nung auf eine Ant­wort, die das ewige Fragen end­lich zur Ruhe brin­gen könnte. Jeden­falls tauchte der Impuls auf, Ihnen diese Mail zu schrei­ben. Viel­leicht haben Sie ja den Impuls, darauf zu rea­gieren? Ich würde mich sehr darüber freuen!


Danke für Ihre Fragen!

Wie Sie schreiben: “Problema­tisch kann’s erst dann werden, wenn man diese Gedan­ken (etwa den ‚Ich-Gedanken’) für mehr nimmt als eben – einen Gedanken.”
Das gilt ebenso für Fragen wie: “Gibt es … oder nicht?” Auch das sind ja Gedanken.

Ihr Einheits­erlebnis hatte ja wahr­schein­lich nichts damit zu tun, dass Sie auf jede mög­liche Frage eine Ant­wort wussten. Das ist die gedank­liche Vor­stel­lung von Klar­heit: auf jede Frage eine ein­deu­tige Antwort zu haben.

“Wenn Antwort A richtig ist, dann muss Antwort B falsch sein” – so die Sicht­weise und Logik von Gedan­ken. “Ent­we­der A exis­tiert oder A exis­tiert nicht.” “Ist das Illu­sion oder Realität?”

“Das permanente Wunder des Seins”, wie Sie es nennen, besteht ja nicht darin, eine Erklä­rung für alles zu haben. Sondern im Staunen über die schil­lernde Unbe­greif­lich­keit und Unbeg­riff­lich­keit des Seins, mani­fes­tiert in der zeit­losen Gegenwart.

Im Wunder des Einen als Viel­heit (1als2 heißt meine Webseite), in all diesen Para­do­xien. Nicht im “Entweder-Oder”, sondern im “Sowohl-Als auch” und im “Weder-Noch”.

“Sind meine Gedan­ken die Pro­dukte meines Gehirns oder ist mein Gehirn das Pro­dukt meiner Gedanken?”

Ja, beides. Und weder noch. Je nachdem. Ein Gehirn scheint sehr wich­tig, um Gedanken pro­du­zie­ren zu können. Das zeigt sich deut­lich, wenn das Gehirn in seiner Leis­tungs­fä­hig­keit beein­träch­tigt wird, z.B. durch Alko­hol, orga­ni­sche Schä­di­gun­gen wie Schlag­an­fall oder ein­fach nur durch Müdig­keit. Wenn das Gehirn nicht gut funk­tio­niert, wirkt sich das dras­tisch auf die Gedanken aus. Und gleich­zei­tig tauchen all diese Gedan­ken an und über das Gehirn ja eben gerade als Gedan­ken auf: “Mein Gehirn” ist ein Gedanke.

Dass etwas direkt erlebt wird, heißt nicht, dass es wahr ist (siehe Hallu­zi­na­tio­nen); dass etwas nicht direkt erlebt wird, heißt nicht, dass es nicht exis­tiert. “Wenn ein LKW auf Sie zu rast, schlie­ßen Sie ein­fach die Augen und hal­ten sich die Ohren zu, dann ist er ver­schwun­den!” – ich würde mich nicht darauf verlassen.

Die einzige verläss­li­che “Tat­sache” scheint mir: Da ist Erleben. Ob das ein Traum ist, ein Gedanke oder Buch­sta­ben auf einem Moni­tor: Da ist wirk­lich Erle­ben; Leben­dig­keit, die jetzt gerade erlebt und erlebt wird.

Und was erlebt wird, ist ein Zusammen­spiel von allen Sinnes­ein­drücken, die gerade da sind. Diese Eindrücke sind das Zusammen­spiel vom Organis­mus und seiner Umwelt. Das kann von Gedan­ken unter­teilt werden: Hier Orga­nis­mus, dort Umwelt. Im direk­ten Erle­ben ist immer bei­des gleich­zei­tig da und spielt zusammen. Bei­des taucht im Bewusst­sein /als Bewusst­sein auf. Die­ses Bewusst­sein mani­fes­tiert sich als Erschei­nun­gen, die durch einen bestimm­ten Orga­nis­mus wahr­genom­men werden; die Erschei­nungen sind nicht unab­hängig vom Orga­nis­mus und vom Bewusst­sein. Und der Orga­ni­smus ist selbst eine Viel­zahl von Erscheinungen.

Was Sie über “mich hier in München” denken, ist natür­lich ein Gedan­ken­kon­strukt, ebenso wie meine Gedan­ken an “Sie dort in Berlin” (und “meine” Gedan­ken an “München” und “mich” und “sons­tige Gedanken”).
Ich verwechsle Sie nicht mit den Gedanken an Sie, gehe aber (sagen wir mal “intui­tiv”) davon aus, dass bei Ihnen eben­falls direk­tes Erle­ben ist. Bewei­sen könnte ich es nicht, for­dert ja auch keiner.

Mein Bild zu unseren bei­den Orga­nis­men ist wie zwei Äste an einem Baum. Die erle­ben unter­schied­li­che Dinge: Auf einem landet gerade ein Vogel, der andere ver­liert ein paar Blätter im Wind … Und doch sind beide Mani­fes­ta­tio­nen des­sel­ben Baums und SIND derselbe Baum. 1als2.

Um meine Antwort in einem Satz zusam­men­zu­fassen: Die Wirk­lich­keit liegt jen­seits von Gedan­ken und kann von ihnen nie erfasst wer­den. Daher sind Gedan­ken hilf­reich zum Pla­nen, aber laden sonst oft nur zur Ver­wir­rung ein. Ok, ich dachte, es würde nur ein Satz.


Lieber Herr Kruse,

ganz herzlichen Dank für Ihre schnelle und aus­führ­liche Antwort! Ich finde es wirk­lich klasse, dass Sie so detail­liert auf meine Fragen ein­ge­gan­gen sind, und das auch noch an einem Feiertag.

Ihre Nach­richt hat eine para­doxe Wir­kung auf mich: Einer­seits löst vor allem Ihre Erin­ne­rung, dass natür­lich auch Fragen wie “Gibt es /Gibt es nicht?” ledig­lich Gedan­ken, also dua­lis­ti­sche For­men, sind, große Erleich­te­rung in mir aus – so, als ob ich mir durch diese Erkennt­nis nun nicht mehr die Mühe machen muss, mir diese Fragen stän­dig zu stellen. Anderer­seits verur­sacht gerade diese Erkennt­nis aber auch, dass Unruhe und Ent­täu­schung in mir auf­stei­gen, verb­un­den mit dem Gedan­ken, dass ich dann ja “nie etwas sicher wis­sen” kann. Und die wei­tere Erkennt­nis, dass frei­lich auch dies nur ein Gedanke ist, kann mich (im Moment zumin­dest) lei­der auch nicht beruhigen.

Und trot­zdem ist da eine Ahnung in mir, dass genau diese Ein­sicht, dass letzt­gül­tige Ant­wor­ten nie­mals gefun­den wer­den kön­nen, zur Ruhe führt oder, um es schön para­dox zu for­mu­lie­ren: dass die Lösung aller Fragen ist, dass es keine Lösung gibt.

Dies nur als kurzes Feed­back. Ich werde mir Ihre Sätze noch häu­fig “durch den Kopf gehen lassen”. Nochmals ganz herz­lichen Dank für Ihre Ant­wort und auch für den Hin­weis auf Ihre Webseite, auf die ich schon sehr gespannt bin.


Ich antworte Ihnen gerne, gerade am “Tag der (dt.) Einheit”!

“Die Lösung aller Fragen ist, dass es keine Lösung gibt.” … Ich würde sagen: Die Lösung solcher Wirk­lich­keits­fragen ist zu erken­nen, dass Gedan­ken eine abstra­hierte, ver­zerrte Schein­welt erzeu­gen, die der Wirk­lich­keit ähnelt, aber sie nicht erfas­sen kann.
Und dass gedank­liche Ant­wor­ten auf gedank­li­che Fra­gen der Wirk­lich­keit bes­ten­falls eini­ger­ma­ßen ähneln, aber nie, nie, nie, nie, nie die Wirk­lich­keit erfas­sen, die jen­seits der Gedanken liegt.

Sich an Gedanken zu halten, die Sicher­heit ver­spr­echen (“DIE Antwort”), führt zu Dogmen und zu Dogmatik.
Und fürs Denken ist das viel­leicht erst mal frus­trie­rend zu erken­nen: Es gibt Berei­che, in denen das Werk­zeug “Denken” nicht greift.
Dann kann es aber auch sehr erleich­ternd sein. Denn das Den­ken braucht sich nur noch um die Berei­che küm­mern, für die es zustän­dig ist: Planung usw., und muss nicht mehr für ALLES zustän­dig sein.

Das Denken hat Fragen, die im Denk-Modus fas­zi­nie­rend und vor allem wich­tig erschei­nen und oft über­haupt nur im Den­ken exis­tieren: “Der Dorf­bar­bier rasiert die Män­ner, die sich nicht selbst rasie­ren. Rasiert er sich selbst?”
Und das Denken kann mit sol­chen Fragen spie­len, wenn es Spaß daran hat, aber dabei wird es keine Sicher­heit oder die Antw­ort auf alles finden (die bekannt­lich “42” ist).

Die faszinierendste aller Fragen finde ich: Was ist “JETZT”?, eben weil alle gedank­li­chen Ant­wor­ten darauf völlig unzu­reichend sind und die einzig interes­sante Ant­wort nur in der gegen­wär­ti­gen Offen­heit besteht.
Die Antwort ist Stille. Stille für das, was sich jetzt zeigt.

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Dies

Dies ist die Oberfläche von Nichts
Ein hauchdünner Film
Über Stille
Nichts dahinter und alles darin.

Dies ist die Form
Die Dein Blick annimmt.

Diese Worte fallen in Dich
Schweben
Und verwandeln sich
Und Nichts bleibt.

Dies ist Erleben
Das ist alles.

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Dittmar Kruse

NLP-Trainer  (Lehr­trainer DVNLP und NLP Inter­na­t­ional), Lehr­coach,
Heil­prak­ti­ker für Psy­cho­the­rapie in München. (Details unter KruseKurse.de).

Autor von Hör­bü­chern, CDs und bis­her drei Büchern:
Glück ohne Schmied
Problemzone Universum
Der Teen-Coach
(Mehr dazu unter KruseVerlag.de)

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Das Unterbewusstsein

Lieber Dittmar,

danke für die auf­schluss­rei­chen Ein­blicke. Ich schätze dich sehr als jeman­den, der Non­dua­li­tät ver­kör­pert, ohne sich auf einen Guru-Sockel zu stel­len. Momen­tan scheint es für mich aber trotz­dem nicht anzu­st­ehen, an dein­em öffent­lichen Chat teil­zu­neh­men.

Zwei Fra­gen habe ich trotz­dem:
Obwohl die ge­trenn­te Ich-Ins­tanz eine Illu­sion ist, wird gemein­hin von einem ener­ge­ti­schen Tod ge­spro­chen, der not­wen­dig ist, be­vor jemand das All-Eins-Sein komp­lett ver­kör­pern kann. Wie siehst Du das? Und was ist mit dem Unter­be­wusst­sein? Gren­zen­los­es Bewusst­sein schließt doch das Unter­be­wusst­sein mit ein – ist es inso­fern nicht wich­tig, das per­sön­li­che und das kol­lek­tive Un­be­wusste zu inte­grieren, damit Ganz­heit rea­li­siert wird?

Danke und herzliche Grüße


Danke für deine Mail!

Wie immer halte ich es für sinn­voll, mög­lichst wenige Kon­zepte zu ver­wen­den und statt­des­sen zu schauen, was wirk­lich er­lebt wird. Und wenn ein Be­griff wie “Unter­bewusst­sein” ver­wen­det wird, ihn zu de­fi­nie­ren, um zu schauen, ob wir das­selbe meinen.

Die ein­fachste De­fi­ni­tion fin­de ich “Das, was gerade nicht bewusst ist” und würde  das syno­nym ver­wen­den mit “Das, wo die Auf­merk­sam­keit gerade nicht ist”.
Der Begriff “Unter­be­wussts­ein” klingt so, als wäre das ein Wesen statt ein­fach nur “Das, was (jetzt gerade) nicht bewusst ist”.
Mit ande­ren Wor­ten finde ich den Begriff “Unter­be­wusst­sein” unnötig, und “Das Un­bew­usste” auch, so wie es kei­nen Be­griff braucht für “Das, was gerade nicht wahr­ge­no­mmen wird”.

Viel­leicht ist deine De­fi­ni­tion von “Un(ter)­be­wusst­sein” auch ganz anders, was ver­stehst du denn darunter?

Meine Beschrei­bung: Da sind Mus­ter, Gewohn­heiten, Auto­ma­tis­men der Auf­merk­sam­keit und der Reak­tio­nen auf das Wahr­ge­nom­mene. Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, Über­ze­ugung­en, die voraus­ge­setzt und nicht hin­ter­fragt wer­den.
Man­che Mus­ter kön­nen bewusst wer­den (z.B. Atem-Muster, Denk- und Sprech­wei­sen), man­che nicht (z.B. Auf­schlüs­seln der Nah­rung nach Nähr­stof­fen und Abfall).

Zum “ener­ge­ti­schen Tod”: Er ist das Ende der Illu­sion, dass es “meine” Ener­gie inmit­ten von “ande­ren” Ener­gien gibt. Das Er­le­ben des einen Ener­gie­meers, von dem nichts aus­ge­nom­men ist, und der Stille darin, von der nichts aus­genom­men ist.

Die Ener­gie fließt auch in Mus­tern, die Wir­bel bil­den oder stag­nie­ren kön­nen (siehe oben). Die­se Mus­ter sind nicht ge­trennt vom Gesamt­gesche­hen, von der momen­ta­nen Energie-Konstel­la­tion, nur gehen dys­funk­tio­nale Mus­ter von anderen Gege­ben­hei­ten aus: von der Situ­a­tion zu der Zeit, als sie ent­stan­den sind; von der Not­wen­dig­keit, etwas zu ver­tei­di­gen oder zu be­kämp­fen oder zu igno­rie­ren und sonstigen Irrtümern.

Dafür kann es ein Up­date geben: In der Er­kennt­nis, dass die Mus­ter etwas ganz Un­per­sön­li­ches sind, im Er­ken­nen der einen Lee­re in al­len Er­schei­nun­gen, in allen Mus­tern, kann die Ener­gie spon­tan in neuen Bah­nen flie­ßen, die sich stimmig, friedl­ich und lie­bev­oll anfühlen.

Herzliche Grüße
Dittmar


Hallo Dittmar,

herz­­li­chen Dank für die auf­schluss­rei­chen Im­pul­se. Wenn Du für Deine in­ves­tier­te Zeit einen fi­nan­ziel­len Aus­gleich möch­test, lass mich bitte Dein­e Kon­to­nu­mmer wissen.

Zum Thema “ener­ge­ti­scher Tod und über­per­sön­liche Energie-Muster” kann ich gut nach­voll­zie­hen, was Du meinst.

Mit dem Unter­be­wusst­sein meine ich das, was Eckhart Tolle den Schmerz­kör­per nennt. Das, was mich ent­we­der zur Täterin oder zum Opfer macht, was sich manch­mal wie ein Dämon an­fühlt und manch­mal wie ein quen­ge­li­ges Klein­kind. Ent­spre­chende Pro­jek­ti­onen ge­hören für mich eben­falls zum Be­griff Unter­be­wusst­sein. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit neu­eren Er­kennt­nis­sen aus der Trauma­for­schung hin­sicht­lich mei­ner eige­nen trau­ma­tis­chen Ener­gien ist mei­ne per­sön­li­che psy­cho­lo­gi­sche Ebene die­ses Phä­no­mens Schmerz­körper.

Konkreter aus­ge­drückt erlebe ich z.B. in Be­geg­nun­gen oft­mals eine feind­se­li­ge Hal­tung in mir, ob­wohl ich ei­gent­lich freund­lich sein möch­te, und habe dann kei­nen Ein­fluss auf mein Ver­hal­ten. Oder wenn ich Angst habe im Um­gang mit Men­­schen, be­kom­me ich ein ganz stren­ges Ge­sicht – ein Phä­no­men, wel­ches ich als sog. “Täter­intro­jekt” inzwi­schen durch­aus ein­zu­ordn­en weiß.

Wenn ich mir aller­dings das be­din­gungs­lo­se Eins­sein aller Men­schen mit dem ein­zig Einen be­wusst mache und mich in die­sem Be­wusst­sein mit­tels ent­spre­chen­der Affir­ma­tio­nen ver­an­ke­re, er­le­be ich durch­aus Lie­be im Sin­ne von Eins­sein, sowie Frie­den und Angst­frei­heit im Um­gang mit Menschen. Das ist aber noch nichts Selbst­ver­ständ­li­ches in mir, die al­ten sozial­pho­bi­schen Mus­ter über­la­gern oft­mals noch das, was ich als “meine” sog. wah­re Na­tur durch­aus be­reits er­fah­ren habe.

Verstehe ich Dich rich­tig, dass es für die voll­stän­di­ge Rea­li­sie­rung die­ses All-Eins-Seins nichts zu tun und nichts zu las­sen gibt? Momen­tan ten­diere ich aller­dings da­zu, mich mit den oben erwähn­ten Affir­ma­tio­nen wei­ter darin zu üben, DAS zu rea­li­sie­ren, was ich bereits BIN.

Danke für alles und herzliche Grüße


Ich danke dir eben­falls für die interessan­ten Fra­gen … und für das Aus­gleichs-Angebot! Ich freue mich, dir zu ant­wor­ten, es braucht kei­nen wei­te­ren Aus­gleich.

Danke auch für deine (und Eckhart Tolles) Defi­ni­tion von “Unter­be­wusst­sein” bzw. “Schmerz­kör­per”! Die Vor­stel­lung, die durch diese Be­grif­fe sug­ge­riert wird, ist: Da gibt es etwas Nega­ti­ves, das am bes­ten ge­löscht wer­den soll­te. Ohne Schmerz­kör­per, ohne Dä­mon, ohne quen­geliges Kind wären wir besser dran.

In solchen Kon­zep­ten (oder auch “Teil­per­sön­lich­kei­ten”, “Schat­ten” usw.) wird als Wesen be­schrie­ben, was nur ein Mecha­nis­mus ist. Eine ge­lern­te Rea­kt­ion, die in der Si­tu­a­tion, in der sie ge­lernt wur­de, als bes­te oder ein­zi­ge Mög­lich­keit er­schien, und im Licht aktu­el­ler Er­fah­run­gen nicht mehr passt, weil an­d­ere Mög­lic­hkei­ten er­kannt wur­den. Die­sel­ben ge­lern­ten Tanz­schritte, ob­wohl längst ganz andere Musik spielt.

So gesehen ist ein “Täter­intro­jekt” Modell-Lernen, das Ler­nen von Vor­bil­dern. Zum Bei­spiel: Be­stra­fung als Mit­tel, un­er­wünsch­tes Ver­hal­ten ab­zu­stel­len. Et­was, an das “eigent­lich” gar nicht ge­glaubt wird, das aber wei­ter läuft, so­lan­ge es nicht über­prüft und /oder aktu­alisiert wird.

Ich habe noch einen Begriff, den ich statt “Unbewuss­tes /Unter­be­wusst­sein” ver­wenden würde: Impli­zites Wis­sen. Das Wis­sen, das voraus­ge­setzt wird, ohne dass darü­ber re­flek­tiert wer­den muss. Zum Bei­spiel das Wis­sen, wo du ge­rade bist. Ein an­de­res Bei­spiel: Mir ist nicht be­wusst, wel­che Tas­ten auf der Tas­ta­tur links und rechts vom “P” lie­gen; trotz­dem gibt es das imp­li­zi­te Wis­sen darü­ber, so dass ich diese Tas­ten “blind” benut­zen kann, wenn ich sie brauche.
Und dieses “im­pli­z­ite Wis­sen” kann ve­ral­ten durch neue Ge­ge­ben­hei­ten, zum Bei­spiel wenn ich ei­ne eng­li­sche Tas­ta­tur be­nutze: Dann ist rechts ne­ben dem “P” ein an­de­res Zei­chen (das ich jetzt auch nicht weiß, aber bei Be­darf ver­wenden könnte).

Wenn das Ver­hal­tens- oder Auf­mer­ksam­keits­muster, das ab­ge­ru­fen wird, dys­funk­tio­nal ist (schmer­zhaft, gewalt­tä­tig o.ä.), dann ist ein Up­date sinn­voll, eine Inte­gra­tion des Auto­ma­tis­mus ins aktu­elle Erleben.

Das kann, wie du schreibst, durch eine Af­fir­ma­tion ge­sche­hen, eine Be­kräf­ti­gung des­sen, was du in­zwi­schen weißt /er­kannt hast. Diese Af­fir­ma­tion oder Er­in­ne­rung kann zu einer neuen Aus­rich­tung der Auf­merk­sam­keit füh­ren und da­mit zu einem ak­tua­li­sier­ten Den­ken, Er­le­ben, Füh­len, Ver­hal­ten. (Affir­ma­tio­nen kön­nen aller­dings auch ein Ver­such sein, das mome­ntane Er­leben zu leug­nen und sich davon abzuwenden.)

Die Aktua­li­sie­rung (das Up­date) kann da­rin be­ste­hen, zu über­prü­fen, was im al­ten Pro­gramm voraus­ge­setzt war, zum Bei­spiel: Bin ich in einer feind­li­chen Um­ge­bung? Gibt es et­was zu ver­tei­di­gen oder auf­recht zu er­hal­ten? Wel­che Be­din­gun­gen werden vom Mus­ter ge­stellt? Bei die­ser Über­prü­fung kann NLP helfen, oder auch “The Work” nach Byron Katie.

Das Update kann auch sein, mit neuen Au­gen zu schauen und sich dem ak­tu­el­len Er­le­ben mit For­scher­geist zu­zu­we­nden: Was er­leb­e ich jetzt? Wel­cher Ge­dan­ke ist ge­ra­de im Spiel? Ist er ein Bild, eine Stim­me, beides? Wie rea­giert der Kör­per darauf? Was ist da sonst noch? … Ohne Ver­bot, das zu er­leben, und ohne den Ver­such, die­je­ni­gen zu be­stra­fen, die die­se Ge­füh­le schein­bar aus­ge­löst ha­ben. Die­se offe­ne, freund­li­che Auf­merk­sam­keit für das ak­tu­elle Er­le­ben ist schon das Up­date, die Ak­tu­ali­sierung – und erfüllt den Wunsch nach lie­be­voller Zu­wendung.

“Ver­ste­he ich Dich rich­tig, dass es für die voll­stän­di­ge Rea­li­sie­rung die­ses All-Eins-Seins nichts zu tun und nichts zu lassen gibt?”

Das All-Eins-Sein umfasst al­les (wie der Be­griff schon sagt) und schließt nichts vom Er­le­ben aus. Auch z.B. das Ge­fühl, ge­trennt oder über­for­dert zu sein, darf im Er­le­ben auf­tau­chen. Ler­nen ge­schieht, wenn die­ses Ge­fühl nicht isol­iert er­lebt wird, son­dern im Zusammen­hang mit den Be­din­gun­gen, die ans Er­leben ge­stellt wer­den (wie es sich an­füh­len soll, wie an­de­re mir be­gegn­en sol­len …), als wä­ren die Be­din­gun­gen wich­ti­ger und das Eins­sein gerade nicht “Thema”.

Der Organis­mus ist an­ge­zogen vom Er­le­ben des Eins­seins, von Liebe. Er kann sich daran orien­ti­eren; Auf­merk­sam­keit und Ver­hal­ten kön­nen sich auf die Ge­gen­wart der Lie­be aus­rich­ten, statt nur mecha­nisch und re­fle­xhaft zu re­agie­ren. Er erlebt die Wei­te, die darin liegt, und lernt. Oder er lernt: “So fühlt es sich an, die­sen Ge­dan­ken und Be­din­gun­gen zu glau­ben” – und lernt aus dem Kon­trast zwi­schen Enge und Weite.

Das ist übri­gens ein Punkt, mit dem viele nicht ein­ver­stan­den sind: In Advaita-Kreisen hat “Ler­nen” einen schlech­ten Ruf; das Wort klingt nach Ar­beit und kann die Vor­stel­lung mit sich brin­gen, noch nicht “am Ziel” zu sein, noch etwas er­rei­chen zu müs­sen. Und es er­weckt viel­leicht die Vor­stel­lung einer Zu­kunft, für die ge­lernt wird.

Ich spreche aber vom Ler­nen für “Jetzt”. Das Leben ist ler­nen­de Intel­li­genz, ganz ohne Zu­tun. Er­leben ist Ler­nen, so wie ein Musi­ker lernt, wenn er ein­fach nur spielt … und dabei zuhört.

Dieses Ler­nen ge­schieht von selbst: ein Ler­nen aus Liebe zur Musik, zum momen­tanen Er­le­ben. Lernen aus Liebe.


Hallo Dittmar,

vielen, vielen Dank für die er­hel­len­den Er­läu­te­run­gen. Die Gros­chen fallen – manchmal nur cent­weise, manch­mal auch schlag­ar­tig.
 
Was das von Dir be­schrie­be­ne Up­date an­geht, fühle ich mich weni­ger zu Byron Katie und all­ge­mei­nem NLP hin­ge­z­ogen als zu Dei­nen Alter­na­tiv­vor­schlä­gen und zu der sog. Core-Transfor­ma­tion, die ich vor eini­ger Zeit schon mal an­ge­spro­chen hatte.
 
Ich wer­de dei­ne Mail wie­der­holt im Hin­ter­kopf be­we­gen und dran­blei­ben an der Er­for­schung der Ich-Illusion …
 
Herzliche Grüße

Erleben ohne Instanz?

Lieber Dittmar,

so oft höre ich davon, dass es ein deut­li­ches Erken­nen geben kann, dass es keine Ins­tanz gibt (noch jemals gab), wel­che diese Erfah­rung macht – also dass es nie­man­den gibt, der über­haupt irgend­eine Erfah­rung machen könnte! Ich kann das nicht ver­ste­hen. Irgend­wie scheint’s da ein “Ken­nen” zu geben. Aber etwas wird erkannt ohne einen Erken­nen­den? Wird nichts erkannt? Ist es auch ein Spiel mit Worten?

Heißt “sich etwas bewusst” zu wer­den, sich jen­seits des Klangs eines Wor­tes, des­sen Bedeu­tung bewusst zu wer­den? Bedeu­tung ent­steht doch nur im Zusam­men­hang mit einer Geschichte, zu der ich dann letzt­end­lich einen Bezug habe. Also das Wort “Afrika” ist eigent­lich nur ein Klang, wie etwa das Säu­seln des Win­des unter der Tür hin­durch. Aber im Zusam­men­hang mit den Klän­gen /Wor­ten “Wüste, Schwarz, Armut, Lebens­freude, Tropen, Steppe, Ele­fan­ten, Löwen, Zebras, Krieg…” entste­hen Bil­der im Kopf, die sich zu einer Geschichte zusam­men­fas­sen las­sen, oder einer Geschichte ent­stammen.

Damit ver­bun­den sind Bewer­tun­gen und Gefühle, die dann einen Bezug zu mir her­zu­stel­len schei­nen oder sogar über­haupt erst ein Ich “erschaf­fen”.
In dem Augen­blick ent­steht irgend­wie ein Gefühl der “Ich bin hier – Afrika ist da”-Trennung, die durch den Bezug zu Afrika gleich­zei­tig ent­steht und über­brückt wer­den soll. Mir schwirrt der Kopf, ich kann mir ein­fach nicht vor­stel­len, wie das alles auf­taucht, ohne einen Bezug zu einer Instanz in mir. Und gleich­zei­tig ist da nichts Greif­ba­res außer Abstrak­tio­nen, die im Grunde nur ein Klang sind wie “[sein Name]”, der auch immer nur im Zusam­men­hang mit ande­ren Wor­ten, also Gedan­ken und Gefüh­len einen Sinn, eine Bedeu­tung erschafft. Ein Ich, das nur “vir­tu­ell” exis­tiert und genau des­we­gen nicht begrif­fen wer­den kann, so wie “Feuer” als Wort nicht heiß ist …


Lieber …,

ich kann’s auch nicht erklä­ren, weil es nicht zu ver­ste­hen ist.
Es ist eben kein Spiel mit Wor­ten, weil Worte es ein­fach nicht erfas­sen kön­nen. In ihnen ist ja immer eine Sub­jekt-Objekt-Struktur vor­ge­ge­ben; im Erleben nicht. Nur wenn der Ver­stand das Erleben mit Wor­ten erfas­sen will, dann schei­tert er. Aber das, wofür du dich – nicht nur in Gedan­ken, sondern im Gefühl – gehal­ten hast, kann weg­fal­len. Das, was das Erle­ben für sich bean­sprucht und auf sich bezieht, kann weg­fallen.

Ja, ein Wort wie “Afrika” löst Asso­zi­atio­nen aus, Erin­ner­un­gen und Fan­ta­sien, die ein schil­lern­des Gesamt­bild ent­ste­hen las­sen. Das ist der­selbe Mecha­ni­smus, der ein “Ich” real erschei­nen lässt. Der­selbe Mecha­ni­smus, der auch “Atlan­tis” oder “Blut­ehre” real erschei­nen las­sen kann, ohne dass irgend­eine Rea­li­tät dahin­ter ste­cken muss.

Das Ich ist nicht wirk­lich “jemand” und auch kein “Es”, son­dern eine Gewohn­heit: Gedan­ken und Gefühle, die sich auf andere Gedan­ken und Gefühle bezie­hen und dadurch ein soli­des Etwas, eine Art Sub­stanz, ein Wesen zu bil­den scheinen.
Was ist da ohne Worte, ohne Gedan­ken? Stille Unfass­bar­keit, die in keiner Weise umgrenzt ist. In der alle Erschei­nun­gen Aus­druck des­sel­ben sind. In der alles Ich ist, alles Du ist, alles Es ist … – in der diese Begriffe nicht greifen.

Also wie gesagt: Ich kann’s auch nicht erklä­ren. Es ist frus­trie­rend fürs Den­ken und ganz wun­der­voll fürs Herz.

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Frei

Last von den Schultern
Und die Welt wird Schwingen
Stein vom Herzen
Und das Herz springt auf und die Welt ist darin
Boden unter den Füßen
Trägt und lebt und die Füße
Entpuppen sich trägerlos
Als pures Leben
Inmitten der Lebendigkeit

alle Gedichte

Gedankenfallen glauben

Lieber Dittmar,

erschreckend, in welchen Gedan­ken­fallen man sich immer wie­der ver­fängt! Hört diese Geis­ter­bahn jemals auf? Und ist dann da endlich “die uner­träg­li­che Leich­tig­keit des Seins”? Es wäre ja schon schön, das Leben nur zu erfah­ren und nicht daran zu leiden.


Liebe …,

“Hört diese Geisterbahn jemals auf?” – Ja, immer wieder.
Die Falle bei Gedan­ken besteht mei­ner Erfah­rung nach darin, ihnen zu glau­ben. Sie ver­spre­chen Glück durch Pla­nung und Refle­xion (Zukunft, Ver­gan­gen­heit) – oder wenigs­tens, Unglück fern zu halten.
Das funktioniert bei mir über­haupt nicht; Glück ist nur in der Gegen­wart erfahr­bar, in der Ent­thro­nung von Gedan­ken.

Das ist uner­träg­lich leicht, nicht durchs Weg­schie­ben von Gedanken, son­dern durch Inte­resse an der Gegen­wart. Und auch durch das Anschauen von Gedan­ken, die gerade auf­tau­chen: Was behaup­ten sie? Was ist in ihnen voraus­gesetzt?

Zum Beispiel kann ich nur alt, häss­lich, arm, krank usw. sein, wenn ich ein Kör­per bin. Die Frage dabei ist: Bin ich ein Körper?
Wenn die Ant­wort darauf nicht nur aus Gedan­ken-Reflexen kommt (“Nein, natür­lich nicht! Aber …”), dann ver­liert der Gedanke viel­leicht seine Glaub­haf­tig­keit und damit seine Wir­kung auf die Emotionen.

So gesehen bein­haltet ein quäl­en­der Gedanke immer eine inte­res­sante Frage: eine Gele­gen­heit, die quä­lende Über­zeu­gung in klarem Licht zu sehen. In diesem Licht kann sie sich nicht halten.

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