Die “Ich”-Vorstellung

Was in diesem Buch das “Ich” genannt wird, ist die Vor­stel­lung, vom Rest der Welt getrennt zu sein: ein eigen­stän­diges Wesen, das Ent­schei­dun­gen trifft und sie in die Tat um­setzt. Doch der Den­ker, Ent­scheider, Macher, für den wir uns hal­ten, exist­iert nur in Ge­dan­ken. Das “Ich” ist kein Wesen, sondern eine Akti­v­ität: eine Inter­pr­eta­tion, die alles Er­leben auf ein imagi­nä­res Zent­rum be­zieht. Dieses Zen­t­rum scheint allem “ande­ren” ge­gen­überzustehen.

Vom “Gegen­über”-Stand­punkt aus betrach­tet erscheint die Welt als Pro­blem. Wir sehen uns mit der Schwie­rig­keit kon­fron­tiert, dem Leben die Erfül­lung unse­rer Wün­sche ab­zur­in­gen: fest­zu­hal­ten, was das “Ich” stärkt, und fern­zu­hal­ten, was ihm nicht ins Kon­zept passt. Das “Ich” ver­spricht die Macht, das Leben wunsch­ge­mäß zu steu­ern. Aber der Preis für diese Vor­stel­lung ist, dass immer etwas zu feh­len scheint. Denn das “Ich” ist nur eine Fik­tion, und wenn wir uns auf eine Fikt­ion redu­zie­ren, dann füh­len wir uns unvoll­stän­dig und irgend­wie irreal.
Weil das “Ich” auf so wack­li­gen Bei­nen steht, ver­langt es viel Bestä­ti­gung und Liebe und ent­puppt sich über­haupt als sehr war­tungs­in­ten­siv. Es ist sein eige­nes Sor­gen­kind, stän­dig auf der Suche nach etwas “ande­rem”, das ihm Kraft und Sicher­heit ver­lei­hen könnte. Von der Erfül­lung seiner Bedin­gun­gen erhofft es sich das Ende sei­nes Lei­dens. Aber eigent­lich lei­det es unter der schein­ba­ren Tren­nung von allem “ande­ren”, die es nie über­win­den kann, weil es nur in der Illus­ion von Getrennt­heit und Eigens­tän­digk­eit besteht.

In der “Ich”-Vorstel­lung endet die Suche, wenn alle Wün­sche er­füllt sind. Aber hat das schon jemals funk­tio­niert? Wie lange dau­ert es, bis die Unzu­frie­den­heit wieder auf­flammt, die das “Ich” und damit die Suche in Gang hält? Es ist, wie wenn man einen Luft­bal­lon zusam­men­drückt: Die Luft darin ver­schiebt sich nur an eine andere Stelle. Wenn dieser Mecha­nis­mus durch­schaut wird, dann rich­tet sich die Ver­än­de­rungs­lust schnell auf das “Ich” selbst. Jetzt ver­sucht es, “bes­ser” zu wer­den (beson­ders spi­ri­tu­ell, beson­ders lie­bev­oll …) oder sich im Stre­ben nach Erleuch­tung sogar ganz auf­zu­lösen.
Aber wenn die Suche auch nur für einen Moment auf­hört, dann zeigt sich etwas Über­ra­schen­des: Was gesucht wurde, ist schon hier – die Prä­senz, in der alles er­lebt wird. Alle Bedin­gun­gen und Vor­be­halte, die ans Er­leben gekop­pelt waren, ver­lie­ren ihre Bedeu­tung, und die Gegen­wart, so wie sie gerade erscheint, wird als Erfül­lung erkannt. Die Liebe, die immer gesucht und meis­tens über­se­hen wurde, ist das Er­le­ben selbst! Nichts Be­son­de­res, sondern alles.

(aus “Problemzone Universum – Vorhang auf für die Ich-Vorstellung”)Nondualität, Nicht-Dualität: Problemzone Universum (Cover)

Die Antwort auf alle Fragen

Lieber Herr Kruse,

heute Vormittag habe ich Ihr Buch „Glück ohne Schmied“ gelesen. Obwohl “ich” (ich verzichte künftig auf die Anführungs­zeichen, Sie kennen ja das Dilemma der Spra­che) mit dessen Grund­aus­sagen bereits lange vertraut bin, hat mich die Lektüre doch wieder daran erin­nert, den Fokus genauer auf die Wahr­neh­mung, auf das direkte Erle­ben, zu rich­ten und dadurch das perma­nente Wunder des Seins zu erkennen. Dafür danke ich Ihnen herz­lich! Sie laden den Leser am Ende Ihres Buches dazu ein, Ihnen zu schreiben und auf­tau­chende Fragen zu stellen. Diese Gele­gen­heit möchte ich gerne wahrnehmen.

Seit einem „Einheitserlebnis“ vor vier Jahren habe ich das „Sein“ für ca. eine Stunde direkt erlebt, ohne ein­engende, da nicht „ernst genom­mene“ Gedan­ken (resp. Geschich­ten, Konzepte etc.). Seit­dem ist mir bewusst, dass es nur den jetzigen Moment gibt, dass Ver­gan­gen­heit und Zukunft nur Geschich­ten sind, genauso wie das Kon­zept des „Ich“. Besonders ent­schei­dend war für mich die Ein­sicht, dass auf­tau­chende Gedanken über­haupt kein „Problem“ sind. Pro­ble­ma­tisch kann’s erst dann werden, wenn man diese Gedan­ken (etwa den „Ich-Gedanken“) für mehr nimmt als eben – einen Gedanken.

So weit, so gut. Woran ich dann aber doch immer wieder hängen­bleibe, sind Fragen, die sich auf die „Wirk­lich­keit“ der Welt bezie­hen. Gibt es die Welt über­haupt? Gibt es den eigenen Kör­per? Oder sind auch dies nur Gedan­ken­ge­bilde, Kon­zepte? Für mich spitzte sich diese Frage vor allem zu einer Frage zu: Sind meine Gedan­ken die Pro­dukte meines Gehirns oder ist mein Gehirn das Pro­dukt meiner Gedan­ken? Aus kon­se­quen­ter (meinet­wegen: phä­no­me­no­lo­gi­scher) Per­spek­tive müsste m.E. die zweite Ant­wort die richt­ige sein. Alles ist letzt­lich ein Gedanken­kon­zept, das eben im Jetzt, im direk­ten Erle­ben, auf­taucht, aber gewis­ser­ma­ßen keinen „onto­lo­gi­schen Sta­tus“ besitzt. Und dies gilt denn auch für Kon­zepte wie Kausa­li­tät und Zeit. Würden Sie dieser Eins­chät­zung zustimmen oder nicht so weit gehen?

Besonders intensiv taucht „hier“ immer wieder die Frage nach der „Wirk­lich­keit“ des „ander­en Men­schen“ auf. Ich bin mir mitt­ler­weile bewusst (diese para­doxe For­mu­lie­rung ist freil­ich nur der Spra­che geschul­det), dass es das „Ich“ als Ins­tanz nicht gibt, dass das „Ich“ ledig­lich ein Kon­zept ist wie „Du“ und „Menschen“ all­ge­mein. Das Ein­zige, was ich nicht nur als Kon­zept erlebe /begreife, ist das „direkte Erle­ben“, die Wahr­neh­mung mit all ihren Aspek­ten (formu­liere ich es so, ist es natür­lich nicht mehr die direkte Wahr­nehmung – das ewige Dilemma der Mys­tik …). Aber: Die „direkte Wahr­nehmung“ ist „hier“, das ist mir ein­deu­tig evi­dent, gerade weil sie kein Nach-Denken benö­tigt. Inwie­fern kann ich aber wissen, ob es die „direkte Wahr­neh­mung“ „dort“ (beispiels­weise „bei Ihnen in München“) auch gibt?

Ist das nicht einfach wieder nur ein Gedanke, der eben „bei mir hier“ auf­taucht, aber eben nur ein Kon­zept ist? Oder aus Ihrer Per­spek­tive for­mu­liert: Können Sie wissen, ob „dort“ (bei­spiels­weise „bei mir in Berlin“, eben nicht bei Ihnen) eben­falls direk­tes Erleb­en statt­findet? Und wenn dies nicht mög­lich ist, liefe das nicht auf ein solip­sis­ti­sches Welt­bild heraus – freilich auf einen Solip­sismus ohne Ich?

Lieber Herr Kruse, ich weiß weder, ob ich Ihnen das Pro­blem, das hier immer wieder auf­taucht, einige­rmaßen ver­ständ­lich machen konnte. Noch weiß ich, warum ich Ihnen dieses Pro­blem über­haupt mit­teile. Viel­leicht ist hier die Hoff­nung auf eine Ant­wort, die das ewige Fragen end­lich zur Ruhe brin­gen könnte. Jeden­falls tauchte der Impuls auf, Ihnen diese Mail zu schrei­ben. Viel­leicht haben Sie ja den Impuls, darauf zu rea­gieren? Ich würde mich sehr darüber freuen!


Danke für Ihre Fragen!

Wie Sie schreiben: “Problema­tisch kann’s erst dann werden, wenn man diese Gedan­ken (etwa den ‚Ich-Gedanken’) für mehr nimmt als eben – einen Gedanken.”
Das gilt ebenso für Fragen wie: “Gibt es … oder nicht?” Auch das sind ja Gedanken.

Ihr Einheits­erlebnis hatte ja wahr­schein­lich nichts damit zu tun, dass Sie auf jede mög­liche Frage eine Ant­wort wussten. Das ist die gedank­liche Vor­stel­lung von Klar­heit: auf jede Frage eine ein­deu­tige Antwort zu haben.

“Wenn Antwort A richtig ist, dann muss Antwort B falsch sein” – so die Sicht­weise und Logik von Gedan­ken. “Ent­we­der A exis­tiert oder A exis­tiert nicht.” “Ist das Illu­sion oder Realität?”

“Das permanente Wunder des Seins”, wie Sie es nennen, besteht ja nicht darin, eine Erklä­rung für alles zu haben. Sondern im Staunen über die schil­lernde Unbe­greif­lich­keit und Unbeg­riff­lich­keit des Seins, mani­fes­tiert in der zeit­losen Gegenwart.

Im Wunder des Einen als Viel­heit (1als2 heißt meine Webseite), in all diesen Para­do­xien. Nicht im “Entweder-Oder”, sondern im “Sowohl-Als auch” und im “Weder-Noch”.

“Sind meine Gedan­ken die Pro­dukte meines Gehirns oder ist mein Gehirn das Pro­dukt meiner Gedanken?”

Ja, beides. Und weder noch. Je nachdem. Ein Gehirn scheint sehr wich­tig, um Gedanken pro­du­zie­ren zu können. Das zeigt sich deut­lich, wenn das Gehirn in seiner Leis­tungs­fä­hig­keit beein­träch­tigt wird, z.B. durch Alko­hol, orga­ni­sche Schä­di­gun­gen wie Schlag­an­fall oder ein­fach nur durch Müdig­keit. Wenn das Gehirn nicht gut funk­tio­niert, wirkt sich das dras­tisch auf die Gedanken aus. Und gleich­zei­tig tauchen all diese Gedan­ken an und über das Gehirn ja eben gerade als Gedan­ken auf: “Mein Gehirn” ist ein Gedanke.

Dass etwas direkt erlebt wird, heißt nicht, dass es wahr ist (siehe Hallu­zi­na­tio­nen); dass etwas nicht direkt erlebt wird, heißt nicht, dass es nicht exis­tiert. “Wenn ein LKW auf Sie zu rast, schlie­ßen Sie ein­fach die Augen und hal­ten sich die Ohren zu, dann ist er ver­schwun­den!” – ich würde mich nicht darauf verlassen.

Die einzige verläss­li­che “Tat­sache” scheint mir: Da ist Erleben. Ob das ein Traum ist, ein Gedanke oder Buch­sta­ben auf einem Moni­tor: Da ist wirk­lich Erle­ben; Leben­dig­keit, die jetzt gerade erlebt und erlebt wird.

Und was erlebt wird, ist ein Zusammen­spiel von allen Sinnes­ein­drücken, die gerade da sind. Diese Eindrücke sind das Zusammen­spiel vom Organis­mus und seiner Umwelt. Das kann von Gedan­ken unter­teilt werden: Hier Orga­nis­mus, dort Umwelt. Im direk­ten Erle­ben ist immer bei­des gleich­zei­tig da und spielt zusammen. Bei­des taucht im Bewusst­sein /als Bewusst­sein auf. Die­ses Bewusst­sein mani­fes­tiert sich als Erschei­nun­gen, die durch einen bestimm­ten Orga­nis­mus wahr­genom­men werden; die Erschei­nungen sind nicht unab­hängig vom Orga­nis­mus und vom Bewusst­sein. Und der Orga­ni­smus ist selbst eine Viel­zahl von Erscheinungen.

Was Sie über “mich hier in München” denken, ist natür­lich ein Gedan­ken­kon­strukt, ebenso wie meine Gedan­ken an “Sie dort in Berlin” (und “meine” Gedan­ken an “München” und “mich” und “sons­tige Gedanken”).
Ich verwechsle Sie nicht mit den Gedanken an Sie, gehe aber (sagen wir mal “intui­tiv”) davon aus, dass bei Ihnen eben­falls direk­tes Erle­ben ist. Bewei­sen könnte ich es nicht, for­dert ja auch keiner.

Mein Bild zu unseren bei­den Orga­nis­men ist wie zwei Äste an einem Baum. Die erle­ben unter­schied­li­che Dinge: Auf einem landet gerade ein Vogel, der andere ver­liert ein paar Blätter im Wind … Und doch sind beide Mani­fes­ta­tio­nen des­sel­ben Baums und SIND derselbe Baum. 1als2.

Um meine Antwort in einem Satz zusam­men­zu­fassen: Die Wirk­lich­keit liegt jen­seits von Gedan­ken und kann von ihnen nie erfasst wer­den. Daher sind Gedan­ken hilf­reich zum Pla­nen, aber laden sonst oft nur zur Ver­wir­rung ein. Ok, ich dachte, es würde nur ein Satz.


Lieber Herr Kruse,

ganz herzlichen Dank für Ihre schnelle und aus­führ­liche Antwort! Ich finde es wirk­lich klasse, dass Sie so detail­liert auf meine Fragen ein­ge­gan­gen sind, und das auch noch an einem Feiertag.

Ihre Nach­richt hat eine para­doxe Wir­kung auf mich: Einer­seits löst vor allem Ihre Erin­ne­rung, dass natür­lich auch Fragen wie “Gibt es /Gibt es nicht?” ledig­lich Gedan­ken, also dua­lis­ti­sche For­men, sind, große Erleich­te­rung in mir aus – so, als ob ich mir durch diese Erkennt­nis nun nicht mehr die Mühe machen muss, mir diese Fragen stän­dig zu stellen. Anderer­seits verur­sacht gerade diese Erkennt­nis aber auch, dass Unruhe und Ent­täu­schung in mir auf­stei­gen, verb­un­den mit dem Gedan­ken, dass ich dann ja “nie etwas sicher wis­sen” kann. Und die wei­tere Erkennt­nis, dass frei­lich auch dies nur ein Gedanke ist, kann mich (im Moment zumin­dest) lei­der auch nicht beruhigen.

Und trot­zdem ist da eine Ahnung in mir, dass genau diese Ein­sicht, dass letzt­gül­tige Ant­wor­ten nie­mals gefun­den wer­den kön­nen, zur Ruhe führt oder, um es schön para­dox zu for­mu­lie­ren: dass die Lösung aller Fragen ist, dass es keine Lösung gibt.

Dies nur als kurzes Feed­back. Ich werde mir Ihre Sätze noch häu­fig “durch den Kopf gehen lassen”. Nochmals ganz herz­lichen Dank für Ihre Ant­wort und auch für den Hin­weis auf Ihre Webseite, auf die ich schon sehr gespannt bin.


Ich antworte Ihnen gerne, gerade am “Tag der (dt.) Einheit”!

“Die Lösung aller Fragen ist, dass es keine Lösung gibt.” … Ich würde sagen: Die Lösung solcher Wirk­lich­keits­fragen ist zu erken­nen, dass Gedan­ken eine abstra­hierte, ver­zerrte Schein­welt erzeu­gen, die der Wirk­lich­keit ähnelt, aber sie nicht erfas­sen kann.
Und dass gedank­liche Ant­wor­ten auf gedank­li­che Fra­gen der Wirk­lich­keit bes­ten­falls eini­ger­ma­ßen ähneln, aber nie, nie, nie, nie, nie die Wirk­lich­keit erfas­sen, die jen­seits der Gedanken liegt.

Sich an Gedanken zu halten, die Sicher­heit ver­spr­echen (“DIE Antwort”), führt zu Dogmen und zu Dogmatik.
Und fürs Denken ist das viel­leicht erst mal frus­trie­rend zu erken­nen: Es gibt Berei­che, in denen das Werk­zeug “Denken” nicht greift.
Dann kann es aber auch sehr erleich­ternd sein. Denn das Den­ken braucht sich nur noch um die Berei­che küm­mern, für die es zustän­dig ist: Planung usw., und muss nicht mehr für ALLES zustän­dig sein.

Das Denken hat Fragen, die im Denk-Modus fas­zi­nie­rend und vor allem wich­tig erschei­nen und oft über­haupt nur im Den­ken exis­tieren: “Der Dorf­bar­bier rasiert die Män­ner, die sich nicht selbst rasie­ren. Rasiert er sich selbst?”
Und das Denken kann mit sol­chen Fragen spie­len, wenn es Spaß daran hat, aber dabei wird es keine Sicher­heit oder die Antw­ort auf alles finden (die bekannt­lich “42” ist).

Die faszinierendste aller Fragen finde ich: Was ist “JETZT”?, eben weil alle gedank­li­chen Ant­wor­ten darauf völlig unzu­reichend sind und die einzig interes­sante Ant­wort nur in der gegen­wär­ti­gen Offen­heit besteht.
Die Antwort ist Stille. Stille für das, was sich jetzt zeigt.

zurück zu Mails | Q&A

Das Unterbewusstsein

Lieber Dittmar,

danke für die auf­schluss­rei­chen Ein­blicke. Ich schätze dich sehr als jeman­den, der Non­dua­li­tät ver­kör­pert, ohne sich auf einen Guru-Sockel zu stel­len. Momen­tan scheint es für mich aber trotz­dem nicht anzu­st­ehen, an dein­em öffent­lichen Chat teil­zu­neh­men.

Zwei Fra­gen habe ich trotz­dem:
Obwohl die ge­trenn­te Ich-Ins­tanz eine Illu­sion ist, wird gemein­hin von einem ener­ge­ti­schen Tod ge­spro­chen, der not­wen­dig ist, be­vor jemand das All-Eins-Sein komp­lett ver­kör­pern kann. Wie siehst Du das? Und was ist mit dem Unter­be­wusst­sein? Gren­zen­los­es Bewusst­sein schließt doch das Unter­be­wusst­sein mit ein – ist es inso­fern nicht wich­tig, das per­sön­li­che und das kol­lek­tive Un­be­wusste zu inte­grieren, damit Ganz­heit rea­li­siert wird?

Danke und herzliche Grüße


Danke für deine Mail!

Wie immer halte ich es für sinn­voll, mög­lichst wenige Kon­zepte zu ver­wen­den und statt­des­sen zu schauen, was wirk­lich er­lebt wird. Und wenn ein Be­griff wie “Unter­bewusst­sein” ver­wen­det wird, ihn zu de­fi­nie­ren, um zu schauen, ob wir das­selbe meinen.

Die ein­fachste De­fi­ni­tion fin­de ich “Das, was gerade nicht bewusst ist” und würde  das syno­nym ver­wen­den mit “Das, wo die Auf­merk­sam­keit gerade nicht ist”.
Der Begriff “Unter­be­wussts­ein” klingt so, als wäre das ein Wesen statt ein­fach nur “Das, was (jetzt gerade) nicht bewusst ist”.
Mit ande­ren Wor­ten finde ich den Begriff “Unter­be­wusst­sein” unnötig, und “Das Un­bew­usste” auch, so wie es kei­nen Be­griff braucht für “Das, was gerade nicht wahr­ge­no­mmen wird”.

Viel­leicht ist deine De­fi­ni­tion von “Un(ter)­be­wusst­sein” auch ganz anders, was ver­stehst du denn darunter?

Meine Beschrei­bung: Da sind Mus­ter, Gewohn­heiten, Auto­ma­tis­men der Auf­merk­sam­keit und der Reak­tio­nen auf das Wahr­ge­nom­mene. Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, Über­ze­ugung­en, die voraus­ge­setzt und nicht hin­ter­fragt wer­den.
Man­che Mus­ter kön­nen bewusst wer­den (z.B. Atem-Muster, Denk- und Sprech­wei­sen), man­che nicht (z.B. Auf­schlüs­seln der Nah­rung nach Nähr­stof­fen und Abfall).

Zum “ener­ge­ti­schen Tod”: Er ist das Ende der Illu­sion, dass es “meine” Ener­gie inmit­ten von “ande­ren” Ener­gien gibt. Das Er­le­ben des einen Ener­gie­meers, von dem nichts aus­ge­nom­men ist, und der Stille darin, von der nichts aus­genom­men ist.

Die Ener­gie fließt auch in Mus­tern, die Wir­bel bil­den oder stag­nie­ren kön­nen (siehe oben). Die­se Mus­ter sind nicht ge­trennt vom Gesamt­gesche­hen, von der momen­ta­nen Energie-Konstel­la­tion, nur gehen dys­funk­tio­nale Mus­ter von anderen Gege­ben­hei­ten aus: von der Situ­a­tion zu der Zeit, als sie ent­stan­den sind; von der Not­wen­dig­keit, etwas zu ver­tei­di­gen oder zu be­kämp­fen oder zu igno­rie­ren und sonstigen Irrtümern.

Dafür kann es ein Up­date geben: In der Er­kennt­nis, dass die Mus­ter etwas ganz Un­per­sön­li­ches sind, im Er­ken­nen der einen Lee­re in al­len Er­schei­nun­gen, in allen Mus­tern, kann die Ener­gie spon­tan in neuen Bah­nen flie­ßen, die sich stimmig, friedl­ich und lie­bev­oll anfühlen.

Herzliche Grüße
Dittmar


Hallo Dittmar,

herz­­li­chen Dank für die auf­schluss­rei­chen Im­pul­se. Wenn Du für Deine in­ves­tier­te Zeit einen fi­nan­ziel­len Aus­gleich möch­test, lass mich bitte Dein­e Kon­to­nu­mmer wissen.

Zum Thema “ener­ge­ti­scher Tod und über­per­sön­liche Energie-Muster” kann ich gut nach­voll­zie­hen, was Du meinst.

Mit dem Unter­be­wusst­sein meine ich das, was Eckhart Tolle den Schmerz­kör­per nennt. Das, was mich ent­we­der zur Täterin oder zum Opfer macht, was sich manch­mal wie ein Dämon an­fühlt und manch­mal wie ein quen­ge­li­ges Klein­kind. Ent­spre­chende Pro­jek­ti­onen ge­hören für mich eben­falls zum Be­griff Unter­be­wusst­sein. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit neu­eren Er­kennt­nis­sen aus der Trauma­for­schung hin­sicht­lich mei­ner eige­nen trau­ma­tis­chen Ener­gien ist mei­ne per­sön­li­che psy­cho­lo­gi­sche Ebene die­ses Phä­no­mens Schmerz­körper.

Konkreter aus­ge­drückt erlebe ich z.B. in Be­geg­nun­gen oft­mals eine feind­se­li­ge Hal­tung in mir, ob­wohl ich ei­gent­lich freund­lich sein möch­te, und habe dann kei­nen Ein­fluss auf mein Ver­hal­ten. Oder wenn ich Angst habe im Um­gang mit Men­­schen, be­kom­me ich ein ganz stren­ges Ge­sicht – ein Phä­no­men, wel­ches ich als sog. “Täter­intro­jekt” inzwi­schen durch­aus ein­zu­ordn­en weiß.

Wenn ich mir aller­dings das be­din­gungs­lo­se Eins­sein aller Men­schen mit dem ein­zig Einen be­wusst mache und mich in die­sem Be­wusst­sein mit­tels ent­spre­chen­der Affir­ma­tio­nen ver­an­ke­re, er­le­be ich durch­aus Lie­be im Sin­ne von Eins­sein, sowie Frie­den und Angst­frei­heit im Um­gang mit Menschen. Das ist aber noch nichts Selbst­ver­ständ­li­ches in mir, die al­ten sozial­pho­bi­schen Mus­ter über­la­gern oft­mals noch das, was ich als “meine” sog. wah­re Na­tur durch­aus be­reits er­fah­ren habe.

Verstehe ich Dich rich­tig, dass es für die voll­stän­di­ge Rea­li­sie­rung die­ses All-Eins-Seins nichts zu tun und nichts zu las­sen gibt? Momen­tan ten­diere ich aller­dings da­zu, mich mit den oben erwähn­ten Affir­ma­tio­nen wei­ter darin zu üben, DAS zu rea­li­sie­ren, was ich bereits BIN.

Danke für alles und herzliche Grüße


Ich danke dir eben­falls für die interessan­ten Fra­gen … und für das Aus­gleichs-Angebot! Ich freue mich, dir zu ant­wor­ten, es braucht kei­nen wei­te­ren Aus­gleich.

Danke auch für deine (und Eckhart Tolles) Defi­ni­tion von “Unter­be­wusst­sein” bzw. “Schmerz­kör­per”! Die Vor­stel­lung, die durch diese Be­grif­fe sug­ge­riert wird, ist: Da gibt es etwas Nega­ti­ves, das am bes­ten ge­löscht wer­den soll­te. Ohne Schmerz­kör­per, ohne Dä­mon, ohne quen­geliges Kind wären wir besser dran.

In solchen Kon­zep­ten (oder auch “Teil­per­sön­lich­kei­ten”, “Schat­ten” usw.) wird als Wesen be­schrie­ben, was nur ein Mecha­nis­mus ist. Eine ge­lern­te Rea­kt­ion, die in der Si­tu­a­tion, in der sie ge­lernt wur­de, als bes­te oder ein­zi­ge Mög­lich­keit er­schien, und im Licht aktu­el­ler Er­fah­run­gen nicht mehr passt, weil an­d­ere Mög­lic­hkei­ten er­kannt wur­den. Die­sel­ben ge­lern­ten Tanz­schritte, ob­wohl längst ganz andere Musik spielt.

So gesehen ist ein “Täter­intro­jekt” Modell-Lernen, das Ler­nen von Vor­bil­dern. Zum Bei­spiel: Be­stra­fung als Mit­tel, un­er­wünsch­tes Ver­hal­ten ab­zu­stel­len. Et­was, an das “eigent­lich” gar nicht ge­glaubt wird, das aber wei­ter läuft, so­lan­ge es nicht über­prüft und /oder aktu­alisiert wird.

Ich habe noch einen Begriff, den ich statt “Unbewuss­tes /Unter­be­wusst­sein” ver­wenden würde: Impli­zites Wis­sen. Das Wis­sen, das voraus­ge­setzt wird, ohne dass darü­ber re­flek­tiert wer­den muss. Zum Bei­spiel das Wis­sen, wo du ge­rade bist. Ein an­de­res Bei­spiel: Mir ist nicht be­wusst, wel­che Tas­ten auf der Tas­ta­tur links und rechts vom “P” lie­gen; trotz­dem gibt es das imp­li­zi­te Wis­sen darü­ber, so dass ich diese Tas­ten “blind” benut­zen kann, wenn ich sie brauche.
Und dieses “im­pli­z­ite Wis­sen” kann ve­ral­ten durch neue Ge­ge­ben­hei­ten, zum Bei­spiel wenn ich ei­ne eng­li­sche Tas­ta­tur be­nutze: Dann ist rechts ne­ben dem “P” ein an­de­res Zei­chen (das ich jetzt auch nicht weiß, aber bei Be­darf ver­wenden könnte).

Wenn das Ver­hal­tens- oder Auf­mer­ksam­keits­muster, das ab­ge­ru­fen wird, dys­funk­tio­nal ist (schmer­zhaft, gewalt­tä­tig o.ä.), dann ist ein Up­date sinn­voll, eine Inte­gra­tion des Auto­ma­tis­mus ins aktu­elle Erleben.

Das kann, wie du schreibst, durch eine Af­fir­ma­tion ge­sche­hen, eine Be­kräf­ti­gung des­sen, was du in­zwi­schen weißt /er­kannt hast. Diese Af­fir­ma­tion oder Er­in­ne­rung kann zu einer neuen Aus­rich­tung der Auf­merk­sam­keit füh­ren und da­mit zu einem ak­tua­li­sier­ten Den­ken, Er­le­ben, Füh­len, Ver­hal­ten. (Affir­ma­tio­nen kön­nen aller­dings auch ein Ver­such sein, das mome­ntane Er­leben zu leug­nen und sich davon abzuwenden.)

Die Aktua­li­sie­rung (das Up­date) kann da­rin be­ste­hen, zu über­prü­fen, was im al­ten Pro­gramm voraus­ge­setzt war, zum Bei­spiel: Bin ich in einer feind­li­chen Um­ge­bung? Gibt es et­was zu ver­tei­di­gen oder auf­recht zu er­hal­ten? Wel­che Be­din­gun­gen werden vom Mus­ter ge­stellt? Bei die­ser Über­prü­fung kann NLP helfen, oder auch “The Work” nach Byron Katie.

Das Update kann auch sein, mit neuen Au­gen zu schauen und sich dem ak­tu­el­len Er­le­ben mit For­scher­geist zu­zu­we­nden: Was er­leb­e ich jetzt? Wel­cher Ge­dan­ke ist ge­ra­de im Spiel? Ist er ein Bild, eine Stim­me, beides? Wie rea­giert der Kör­per darauf? Was ist da sonst noch? … Ohne Ver­bot, das zu er­leben, und ohne den Ver­such, die­je­ni­gen zu be­stra­fen, die die­se Ge­füh­le schein­bar aus­ge­löst ha­ben. Die­se offe­ne, freund­li­che Auf­merk­sam­keit für das ak­tu­elle Er­le­ben ist schon das Up­date, die Ak­tu­ali­sierung – und erfüllt den Wunsch nach lie­be­voller Zu­wendung.

“Ver­ste­he ich Dich rich­tig, dass es für die voll­stän­di­ge Rea­li­sie­rung die­ses All-Eins-Seins nichts zu tun und nichts zu lassen gibt?”

Das All-Eins-Sein umfasst al­les (wie der Be­griff schon sagt) und schließt nichts vom Er­le­ben aus. Auch z.B. das Ge­fühl, ge­trennt oder über­for­dert zu sein, darf im Er­le­ben auf­tau­chen. Ler­nen ge­schieht, wenn die­ses Ge­fühl nicht isol­iert er­lebt wird, son­dern im Zusammen­hang mit den Be­din­gun­gen, die ans Er­leben ge­stellt wer­den (wie es sich an­füh­len soll, wie an­de­re mir be­gegn­en sol­len …), als wä­ren die Be­din­gun­gen wich­ti­ger und das Eins­sein gerade nicht “Thema”.

Der Organis­mus ist an­ge­zogen vom Er­le­ben des Eins­seins, von Liebe. Er kann sich daran orien­ti­eren; Auf­merk­sam­keit und Ver­hal­ten kön­nen sich auf die Ge­gen­wart der Lie­be aus­rich­ten, statt nur mecha­nisch und re­fle­xhaft zu re­agie­ren. Er erlebt die Wei­te, die darin liegt, und lernt. Oder er lernt: “So fühlt es sich an, die­sen Ge­dan­ken und Be­din­gun­gen zu glau­ben” – und lernt aus dem Kon­trast zwi­schen Enge und Weite.

Das ist übri­gens ein Punkt, mit dem viele nicht ein­ver­stan­den sind: In Advaita-Kreisen hat “Ler­nen” einen schlech­ten Ruf; das Wort klingt nach Ar­beit und kann die Vor­stel­lung mit sich brin­gen, noch nicht “am Ziel” zu sein, noch etwas er­rei­chen zu müs­sen. Und es er­weckt viel­leicht die Vor­stel­lung einer Zu­kunft, für die ge­lernt wird.

Ich spreche aber vom Ler­nen für “Jetzt”. Das Leben ist ler­nen­de Intel­li­genz, ganz ohne Zu­tun. Er­leben ist Ler­nen, so wie ein Musi­ker lernt, wenn er ein­fach nur spielt … und dabei zuhört.

Dieses Ler­nen ge­schieht von selbst: ein Ler­nen aus Liebe zur Musik, zum momen­tanen Er­le­ben. Lernen aus Liebe.


Hallo Dittmar,

vielen, vielen Dank für die er­hel­len­den Er­läu­te­run­gen. Die Gros­chen fallen – manchmal nur cent­weise, manch­mal auch schlag­ar­tig.
 
Was das von Dir be­schrie­be­ne Up­date an­geht, fühle ich mich weni­ger zu Byron Katie und all­ge­mei­nem NLP hin­ge­z­ogen als zu Dei­nen Alter­na­tiv­vor­schlä­gen und zu der sog. Core-Transfor­ma­tion, die ich vor eini­ger Zeit schon mal an­ge­spro­chen hatte.
 
Ich wer­de dei­ne Mail wie­der­holt im Hin­ter­kopf be­we­gen und dran­blei­ben an der Er­for­schung der Ich-Illusion …
 
Herzliche Grüße

Gegen Gedanken kämpfen

Lieber Dittmar,

“der Augenblick ist auch mit den Gedanken wie er ist. Nur Wahrnehmen.” – Was aber, wenn einem das Wahrnehmen einfach nicht auf Dauer gelingen will? Man sich immer wieder in die Gedanken, “das Zusammen­ziehen” verstrickt? Man sich immer wieder mit Gefühlen identifiziert? Man nicht einfach nur in der U-Bahn sitzen kann?

Es ist sehr schwer. Und das Kämpfen darum macht mich noch ganz verrückt. Weil ich ja weiß, wie entspannt es sein könnte, wenn mein Kopf nicht ständig woanders wäre oder ihm mit dem nur Dasein nicht langweilig würde.

Muss man dann nicht doch üben? … So wie die Zenmeister die Meditation empfehlen? Der Körper-Geist-Organismus ist einfach anders trainiert und verstrickt sich immer wieder. Kann das Leben, wie du es bezeichnest, lernen sich nicht zu identifizieren?

Liebe Grüße
Isabell


Liebe Isabell, danke für die Fragen!

Wahrnehmen kann in diesem Zusammen­hang nicht “nicht gelingen”. Auch Gedanken werden wahrgenommen, ebenso wie die Gefühlsreaktionen auf sie, das Zusammenziehen, der Tunnel, den sie bilden.

Diese Wahrnehmungen, dass da Gedanken sind und wie sie sich auswirken, bleiben eher im Hintergrund, solange das Hauptinteresse den Gedanken-Inhalten gilt. Solange es eine Identifikation mit der Person gibt, um die sich die Gedanken drehen (ihre Geschichte, ihre Zukunft …), solange scheint es in Gedanken etwas zu holen zu geben. Und solange dem Versprechen in den Gedanken geglaubt wird, dass sie hilfreich sind, um die Person zu beschützen, solange wird die Person auch weiter vorausgesetzt und für real gehalten.

Identifikation mit Gedanken ist genau dieser Prozess: Die Gefühle reagieren auf Gedanken, als wären sie wahr und ein 1:1-Abbild der Wirk­lich­keit. “Ich” erscheine auf ein kleines, schutzbedürftiges Einzelwesen in einer getrennten Welt reduziert, und der Orga­nismus reagiert darauf mit Anspan­nung und Zusammenziehen.
Das leise Unbehagen beim Dauer-Denken, das Gefühl von latenter Bedrohung, ist gleichzeitig wieder Anlass für Gedanken, “wie ich mich schützen /vorbereiten kann”.

Denken ist auch ein Abwehr-Mechanismus, der die Person beschützen will, für die er sich hält. Das heißt, wenn diese Identifikation ins Wanken kommt (“bedroht” wird), dann wird das Denken schnell aktiv, um die Aufmerk­sam­keit abzulenken. Das kann losgehen mit einem Gefühl der Langeweile: „Die Gegen­wart bietet mir nichts Interes­santes.“ – worin schon ein getrenntes Wesen vorausgesetzt wird, das von der Welt unterhalten werden will.

Der Treibstoff, der Gedanken am Laufen hält, ist der Wunsch, (sich) etwas Gutes zu tun; dafür zu sorgen, dass es dir gut geht. Also eigentlich ein liebevoller Impuls, nur verwirrt durch die Identifikation, durch Irrglauben darüber, wer /was du bist und was du brauchst, um glücklich zu sein.

Wenn gesehen wird, wie oft Gedanken das Gegenteil von dem bewirken, was sie beabsichtigen – wie oft sie eher unglücklich machen –, dann kann der liebevolle Impuls von dieser Verwirrung ablassen und sich dem zuwenden, was wirklich glücklich macht: dem Bewusstsein selbst in seiner gegenwärtigen Erscheinungsform als dieser Moment.

Ja, das ist ein Lernprozess, kein Ein-für-alle-Mal-Ereignis, sondern ein Immer-wieder-Aufwachen. Mit Kämpfen hat das nichts zu tun (so scheint es nur aus der Denk-Perspektive), sondern mit der Bereitschaft, zu lernen, auch aus den Gefühlen, die das Denken mit sich bringt.

Sehr praktisch finde ich es, die Gedanken Kategorien zuzuorden, z.B. “Vergangenheit /Zukunft” (Gedanken, die sich nicht auf die Gegenwart beziehen), “Phantom-Diskussionen” (Dialoge, die mit Abwesenden durchgespielt werden) usw. Dazu habe ich dir ein pdf angefügt:
Gedanken einordnen

Ein anderes Experiment untersucht die Erscheinungsformen von Gedanken: Ist es ein Bild, eine Stimme oder beides? Wie reagiert das Gefühl? usw. Das pdf findest du hier:
Denken untersuchen

Es geht in diesen Experimenten /Übungen nicht darum, sich von Gedanken abzuwenden, nicht darum, ihnen die Aufmerksamkeit zu entziehen, sondern darum, ihnen und ihren Wirkungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Gedanken nicht als Feinde zu behandeln, sondern die Gelegenheit zu nutzen, etwas über sie zu lernen.
Jeder Gedanke ist eine Einladung in zwei Richtungen: Entweder ihm und seinen Nachfolgern weiter zu folgen oder wach zu werden für die gegenwärtige Wachheit, in der sie sich abspielen.

Meditation halte ich für etwas, das dem Organismus sehr gut tut. Sie kann über das Stillsitzen hinaus ein ständiges Lernen sein.
Ja, das Leben kann lernen, sich nicht zu identifizieren. Das geschieht z.B. durch den direkten Vergleich, durch den Kontrast: So fühlt sich Identifikation an … und so das Wunder der Gegenwart, in der alles lebt.
Und wenn du den sinnlichen Aspekt der Wachheit genießen möchtest, habe ich noch dieses Experiment für dich, das die Aufmerksamkeit in die Gegenwart einlädt:
Gegenwart-Atem

Liebe Grüße
Dittmar

zurück zu Mails | Q&A

Wozu noch Coaching?

Sehr geehrter Herr Kruse,

mit Begeiste­rung habe ich Ihr Buch “Glück ohne Schmied” geles­en. Ja, was da steht ist wahr, dies taucht auf. Dann gehe ich auf Ihre Web­sei­te, was erfahre ich? Da wer­den die Schmie­de wie­der ange­spro­chen, die etwas ver­än­dern kön­nen. Wie passt das für Sie zusammen?

Für eine Ant­wort bin ich dank­bar, weil ich mich in dieser Zwick­mühle befinde, da ich auch Kurse usw. anbiete mit der Aus­ric­htung “Dekon­di­tio­nie­rung von Glau­bens­sät­zen” – und gleich­zei­tig ist da nie­mand, der es tun soll.


Diese Frage bekomme ich in letz­ter Zeit natür­lich öfters mal gestellt: “Wie passt das zusam­men – einer­seits geschieht alles von selbst, ande­rer­seits geht es um Ver­än­de­rung durch Coaching?”

Veränderung geschieht, aber nicht durch einen Schmied. Ich sehe die Arbeit als Coach auch nicht anders als zum Bei­spiel die Arbeit eines Fri­seurs oder Zahn­arz­tes oder Golf­leh­rers. Wenn man eine andere Fri­sur möchte oder Zahn­schmer­zen hat oder sein Handic­ap ver­bes­sern möchte, dann geht man zu jeman­dem, der einem da helfen kann. Und wenn man unter bestimm­ten Gedan­ken lei­det oder irgend­et­was ler­nen möchte, dann geht man eben zum Coach oder The­ra­peuten.

Eine neue Fri­sur führt nicht zur “Erleuch­tung”, sieht aber viel­leicht bes­ser aus. Das spielt keine Rolle und wird meiner Ansicht nach nur dann ver­wir­rend, wenn man meint, man müsse an sich arbei­ten, um das “Ich” los­zu­wer­den oder so etwas. Meine Patien­ten kommen zum Bei­spiel mit Flug­angst, und dann kön­nen sie ent­spannt flie­gen (aber nur im Flug­zeug). Sonst nichts.

Ein ande­rer Aspekt sind die “spiri­tu­ell Suchen­den” oder Men­schen, die mit tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Theo­rien zu mir kom­men: “Meine Mut­ter hat mich nicht geliebt”, “Irgend­wie gönne ich mir den Erfolg nicht”, “Ich bin nicht in meiner Mitte”, “Ich will mehr ich selbst sein”, “Ich habe Min­der­wer­tig­keits­ge­fühle” und so wei­ter. Diese “tiefen” Themen lassen sich als “Mit mir stimmt etwas nicht” zusam­men­fas­sen, oder als “Ich kann mich nicht ver­wirk­li­chen”. Und diese Gedan­ken sind auch kein Wun­der: Die Pati­en­ten sind nicht das Kon­zept, für das sie sich hal­ten, daher kön­nen sie sich nicht “ver­wirklichen”.

Da scheint mir, dass eine andere Sicht oder Ein­stel­lung sehr erleich­ternd wirken kann: Es sind halt alles Gedan­ken, die auf­tau­chen und sich wie­der ver­zie­hen. Na und? Das kann auch ohne “per­sön­li­che” Ver­wick­lung gesche­hen, ohne Ernst und ohne Kon­se­quen­zen. Also kurz gesagt: Es kann enorm befrei­end wir­ken, Gedan­ken als “nur Gedan­ken” zu erken­nen, sie als Land­karte zu sehen, die nicht das Gebiet ist. Gerade dadurch scheint es oft nicht mehr nötig, dauernd am Rela­tiven herum­zu­doktern.

Die Frisur ver­liert an Bedeu­tung, aber es spricht auch nichts dage­gen, eine schöne Fri­sur zu haben (wenn man sich nicht gerade das See­len­heil von ihr erhofft). Und der Fri­seur (oder Coach) ist keine Per­son, son­dern eine Erschei­nung, eine Funk­tion oder eine Info­rma­tion, die auftaucht.

zurück zu Mails | Q&A

War’s das schon?

Lieber Dittmar,

vor ein paar Tagen hab ich auf der Seite von X so nen “Erleuch­tungs­kurs” mit­ge­macht. Kennst du die Seite? Jeden­falls wurde mir bestä­tigt, das “Tor­lose Tor” durch­schrit­ten zu haben. Warum schreib ich dir…? Hmm, ich glaub, dass u.a. ein Zwei­fel daran betei­ligt ist. Ist schon irgen­dwie komisch: Wenn es das jetzt wirk­lich war, wonach ich immer gesucht habe … Die letz­ten Tage nach der “Tor­durch­fahrt” waren jeden­falls von mehr Klar­heit und Leich­tig­keit gekenn­zeich­net. Viel­leicht hast du ja ein paar Worte für mich?!


Diese Frage: “War’s das jetzt wirk­lich schon?” haben mir schon einige “X-Absol­ven­ten” gestellt. Ob du etwas durch­schrit­ten hast und was das war hängt davon ab, wie das Tor defi­niert wird. Mir scheint es ein rie­si­ger Unter­schied zu sein, ob da jetzt zusätz­lich zum Erle­ben ein korri­gie­ren­der /erklä­ren­der Gedanke kommt (“… aber da ist ja niemand”) – was ein intel­lek­tu­elles Ver­steh­en ist und viel­leicht auch eine emot­io­nale Beru­hi­gung mit sich bringt. Und oft auch den Gedan­ken: “Ich bin jemand, der das Tor durch­schrit­ten hat.” (TOR 1)

Oder ob eine ener­ge­ti­sche Auf­lö­sung geschieht, ob das Gefühl der Getrennt­heit, der Unvoll­stän­dig­keit, der Eigen­mäch­tig­keit in der Offen­heit ausge­löscht ist. Ob eine Abso­lut­heit im Moment, in den Erschei­nun­gen erkannt wird. Ob die Erschei­nun­gen als Ausd­ruck der­sel­ben lie­be­vol­len Quelle erlebt wer­den. Als Erschei­nungs­for­men de­rsel­ben Leben­dig­keit. Als Innig­keit der Quelle mit sich selbst. Ob das Erle­ben von Liebe erfüllt ist. Ob das Erle­ben ein Tor­lo­ses Tor ist, ein stän­di­ges Erwachen in die­sen Moment. Ob die­ser Moment das Tor­lose Tor ist. Ob Du das Tor­lose Tor bist. Ein Zusam­me­nsein, ein Zusam­mens­piel von allem. Ein Wunder. (TOR 2)

So habe ich das Tor erlebt und so erlebe ich es. Das heißt nicht, dass ich immer won­nig­lich drauf bin und die Auf­merk­sam­keit immer weit und ent­spannt ist. Ich erlebe auch immer wieder mal Anspan­nung und Ärger oder Traur­ig­keit. Das ist die Folge einer Vor­stel­lung, wie “die Welt” sein sollte, nach der die Welt sich nicht rich­tet; die Folge eines Mus­ters, das wie eine Selbst­schuss­an­lage abläuft. Sol­che Vor­stel­lun­gen haben sich irgend­wann in einem arg­lo­sen, kind­li­chen Geist ein­ge­nis­tet als lieb­evol­ler Wunsch: “Das Leben wäre viel schö­ner, wenn nur …”

Wenn das Muster wehtut – vor allem, weil das Tor 2-Erle­ben dadurch in den Hin­ter­grund tritt –, dann geht die Auf­merk­sam­keit von der Dis­kre­panz zwi­schen Wunsch und Wirk­lich­keit auf den Wunsch selbst, auf das Mus­ter. Dann erlebe ich den Preis, den das Behar­ren auf Bedin­gun­gen kos­tet (die nicht mal “meine” Bedin­gun­gen sind, sondern von einer Vor­stel­lung /einem Mus­ter gestellt wer­den, das sich vor lang­er Zeit im Orga­nis­mus ein­ge­nis­tet hat). Und wenn das Mus­ter erkannt wird, dann endet die Fixie­rung darauf und das Erle­ben ent­spannt sich. (Manch­mal dau­ert es auch biss­chen mit dem Erken­nen …) Gleich­zei­tig ist klar, dass diese Mecha­nis­men nichts Per­sön­li­ches sind, sondern Erschei­nungs­for­men der Leben­dig­keit, nur ener­ge­ti­sche Ver­fes­ti­gun­gen, die sich im Licht der Gege­nwart ver­flüs­si­gen. Die Auf­merk­sam­keit ist ein Update in die Frei­heit. Jeden­falls, sol­che Bedin­gungs­mus­ter tau­chen bei mir immer noch auf. Und auch eine Beschrei­bung wie die von Tor 2 kann leicht zu einer Bedin­gung ans Erle­ben werden: “So sollte es sein – ver­dammt, so ist es aber noch nicht!” Das erschwert das unvor­ein­ge­nom­mene, bedin­gungs­lose Schauen, wie die Wirk­lich­keit ist, wenn sie keine Kri­te­rien erfül­len soll.

Ohne Kriterien und Bedin­gun­gen schaut die ein­zige wirk­li­che Auto­ri­tät für Wach­heit: die Wachheit.


Lieber Dittmar, deine gehalt­vol­len Zeil­en drin­gen wie immer tief in mich ein und brau­chen auch noch Zeit zu wir­ken. Auch dein authen­ti­sches Beschrei­ben deines Erle­bens ist mir ein gro­ßes Geschenk. Vielen Dank !

Eine kurze Bilanz: Nach dem “Tor­durch­lauf” war und ist mehr Klar­heit. Es schei­nen die alten bekann­ten Gedan­ken­nmus­ter — für län­gere Zeit — nicht mehr zu grei­fen, das fühlt sich nach mehr Frei­heit an. Es wird immer wie­der gese­hen, dass diese Filme sich nur noch um sich selbst dre­hen und keinem Ich-Kern mehr die­nen. Es sind Gedan­ken, Bilder, wie [Name] dies und das macht, und sie füh­len sich wie immer an, bis ein Sehen oder Erin­nern auf­taucht und die­ses wird oft von nem Geda­nken beglei­tet “Es gibt kein Ich”. Also ein Wech­sel: Film-Iden­ti­fi­zie­rung und danach sehen, das ist nur ein Film — dies scheint das Erken­nen bewirkt zu haben.

Was jedoch nicht erlebt wird, ist ein Ein­heits­ge­fühl, eine Liebe, die alles umfasst, ein Innen und Außen als Illus­ion… im Ansatz viel­leicht schon, jedoch ist es kein Grund­ge­fühl. Auch dass im Gegen­über kein Ich ist, scheint sich nur lang­sam zu grün­den. Daher plä­diere ich eher dafür, dass hier wohl das Tor 1 durch­schri­tten wurde — immerhin.

zurück zu Mails | Q&A

NLP / Achtsamkeit lernen, Video Teil 1

NLP / Achtsamkeit:

Dittmar Kruse spricht mit Nikolaj Djuga darüber, wie man mit NLP Achtsamkeit lernen kann: nicht als Methode der Zielerreichung, sondern als Beschrei­­bung des Erle­bens im Hier und Jetzt. Gedan­ken müssen keine Ablen­­kung von der Gegen­­wart sein, wenn sie mit freund­­licher Auf­merk­­sam­­keit wahr­ge­­nommen werden. Die men­tale Unruhe kann im Bewusst­­seins­­feld zur Ruhe kommen.
Nikolaj finden Sie hier: www.djuga.de


Hier die Fortsetzung: NLP / Achtsamkeit, Teil 2


Fragen? Kommentare? Anmeldung?

alle NLP-Videos

zur Startseite