Wozu noch Coaching?

Sehr geehrter Herr Kruse,

mit Begeiste­rung habe ich Ihr Buch “Glück ohne Schmied” geles­en. Ja, was da steht ist wahr, dies taucht auf. Dann gehe ich auf Ihre Web­sei­te, was erfahre ich? Da wer­den die Schmie­de wie­der ange­spro­chen, die etwas ver­än­dern kön­nen. Wie passt das für Sie zusammen?

Für eine Ant­wort bin ich dank­bar, weil ich mich in dieser Zwick­mühle befinde, da ich auch Kurse usw. anbiete mit der Aus­ric­htung “Dekon­di­tio­nie­rung von Glau­bens­sät­zen” – und gleich­zei­tig ist da nie­mand, der es tun soll.


Diese Frage bekomme ich in letz­ter Zeit natür­lich öfters mal gestellt: “Wie passt das zusam­men – einer­seits geschieht alles von selbst, ande­rer­seits geht es um Ver­än­de­rung durch Coaching?”

Veränderung geschieht, aber nicht durch einen Schmied. Ich sehe die Arbeit als Coach auch nicht anders als zum Bei­spiel die Arbeit eines Fri­seurs oder Zahn­arz­tes oder Golf­leh­rers. Wenn man eine andere Fri­sur möchte oder Zahn­schmer­zen hat oder sein Handic­ap ver­bes­sern möchte, dann geht man zu jeman­dem, der einem da helfen kann. Und wenn man unter bestimm­ten Gedan­ken lei­det oder irgend­et­was ler­nen möchte, dann geht man eben zum Coach oder The­ra­peuten.

Eine neue Fri­sur führt nicht zur “Erleuch­tung”, sieht aber viel­leicht bes­ser aus. Das spielt keine Rolle und wird meiner Ansicht nach nur dann ver­wir­rend, wenn man meint, man müsse an sich arbei­ten, um das “Ich” los­zu­wer­den oder so etwas. Meine Patien­ten kommen zum Bei­spiel mit Flug­angst, und dann kön­nen sie ent­spannt flie­gen (aber nur im Flug­zeug). Sonst nichts.

Ein ande­rer Aspekt sind die “spiri­tu­ell Suchen­den” oder Men­schen, die mit tie­fen­psy­cho­lo­gi­schen Theo­rien zu mir kom­men: “Meine Mut­ter hat mich nicht geliebt”, “Irgend­wie gönne ich mir den Erfolg nicht”, “Ich bin nicht in meiner Mitte”, “Ich will mehr ich selbst sein”, “Ich habe Min­der­wer­tig­keits­ge­fühle” und so wei­ter. Diese “tiefen” Themen lassen sich als “Mit mir stimmt etwas nicht” zusam­men­fas­sen, oder als “Ich kann mich nicht ver­wirk­li­chen”. Und diese Gedan­ken sind auch kein Wun­der: Die Pati­en­ten sind nicht das Kon­zept, für das sie sich hal­ten, daher kön­nen sie sich nicht “ver­wirklichen”.

Da scheint mir, dass eine andere Sicht oder Ein­stel­lung sehr erleich­ternd wirken kann: Es sind halt alles Gedan­ken, die auf­tau­chen und sich wie­der ver­zie­hen. Na und? Das kann auch ohne “per­sön­li­che” Ver­wick­lung gesche­hen, ohne Ernst und ohne Kon­se­quen­zen. Also kurz gesagt: Es kann enorm befrei­end wir­ken, Gedan­ken als “nur Gedan­ken” zu erken­nen, sie als Land­karte zu sehen, die nicht das Gebiet ist. Gerade dadurch scheint es oft nicht mehr nötig, dauernd am Rela­tiven herum­zu­doktern.

Die Frisur ver­liert an Bedeu­tung, aber es spricht auch nichts dage­gen, eine schöne Fri­sur zu haben (wenn man sich nicht gerade das See­len­heil von ihr erhofft). Und der Fri­seur (oder Coach) ist keine Per­son, son­dern eine Erschei­nung, eine Funk­tion oder eine Info­rma­tion, die auftaucht.

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