Nondualität | Audio (Podcast): Live-Chat September 2018

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Nondualität: Gespräche mit Dittmar Kruse

Online-Chat September 2018, 1. Teil

Ich, der Organismus

Hallo lieber Dittmar,

es ist eine Freude, bei den Treffen dabei sein zu können, und ich freue mich immer wie Bolle auf diesen Termin. Die Fragen die erschei­nen und die Ant­worten die kommen, alles ist so echt, klar und ehrlich und erhellend.

Es fühlt sich alles intensiver an und trotz schein­barer Unru­hen von außen fühle ich mich inner­lich stabiler. Da ist auf jeden Fall momen­tan auch mehr Ener­gie da für alles. Irgend­was verän­dert sich. Die Gedan­ken, die auf­tau­chen, haben keine Schwere (zur­zeit), sondern sind mehr so klä­rend, und immer wieder taucht der Gedanke auf, dass das, was geschieht, genauso sein soll und richtig ist wie es ist. Auch dann, wenn ich es nicht verstehe. Mehr Ruhe, Gelassenheit …

Ich bin mir sicher, dass das mit deinen klaren Worten, dem Offen­sein für das, was durch dich gesagt wird, und die Fragen der anderen, die auch meine sein könnten, alles geschieht.

Gestern Abend habe ich auch noch eine Angst vor dem Nicht­sein deut­lich gespürt, die Angst vor dem Tod scheint also noch da zu sein.
Ist das bei dir auch noch so, oder ist da eine totale Annahme bzw. Gelassen­heit? Eigent­lich ist es dann doch wohl ein­fach nur ein Gedanke, der Angst macht, oder?


Liebe ..,

ich freue mich, dass du Ruhe und Gelassenheit erlebst!
Nein, Angst vor dem Tod habe ich gar nicht. Wobei ich mir gut vor­stel­len könnte, dass der Orga­nis­mus auf eine lebens­be­droh­liche Situa­tion mit viel Adre­nalin rea­gie­ren würde, z.B. wenn nachts im Wald ein geis­tes­kranker Axt­mörder auf mich zu kommt … 😶 Wer weiß …

Und genauso könnte es bei dir sein, wenn dann wirklich mal Gevatter Tod vor der Tür steht, dass du ihn dann will­kom­men heißt und ihn fried­lich und freund­lich herein lässt. Wer weiß …

Und klar: Das sind alles nur Gedanken. Im Moment ist da ja kein Tod, sondern nur Leben …


Hallo lieber Dittmar,

Ich wollte mich mal für deine Antwort auf die Frage nach der Angst vor dem Tod bedanken. Sie hat mich sogar zum Lachen gebracht, da es so klar war bzw. wurde, als ich deine Antwort las. Klar, es kann alles passieren, Angst oder ent­spanntes Annehmen …

Trotzdem habe ich heute mal ein paar “andere” Fragen, die mir gerade so durch den Kopf schwirren und die ich dir gerne stellen würde – bestimmt hast du sie schon alle tausend­mal beantwortet, aber das Verstehen und die Fragen tauchen halt gerade so auf. Ich habe Sorge, dass es sich bei mei­nem Ver­stehen “nur” um ein verstan­des­mä­ßiges Verstehen handelt, so dass noch irgend­was Wichtiges fehlen würde.

Habe einfach mal alles so runtergeschrieben:
Irgendetwas geschieht und man scheint darin unbewusst ver­wickelt, dann kommt ein Gedanke der sagt: “Hey, warum machst du das gerade so?” Und dann kommt der nächste: “Ha, da war ich wohl nicht auf­merk­sam genug” und der nächste: “Aber es gibt doch gar kein Ich, nur Gedan­ken”, und daraufhin ent­spannt sich etwas spürbar im Körper, aber nur solange wie dieser Gedanke anhält und abge­löst wird von einem ande­ren Gedanken, wie z.B.: “Mensch, ich muss ja noch ein­kaufen”, und schon ist es vor­bei mit der Entspannung … Usw. usw.

Ein scheinbarer Ablauf von Gedanken und Hand­lungen, von nie­man­dem, aus dem Nichts, bzw. sich von Moment zu Moment aus der jewei­ligen Situ­ation ergebend. Niemand da, der irgend­etwas denkt oder tut. Selbst das Erken­nen von dieser Tat­sache geschieht irgend­wie von alleine durch den auf­kom­men­den Gedan­ken und die anschlie­ßende Über­prü­fung, auch wenn es sich hart­näckig so anfühlt bzw. denkt, dass ich da etwas tue oder denke. Es denkt und tut sich ja auch durch diesen Körper, und irgend­wie hat dieses System ja gelernt, dass dieser Körper ich bin, und auch alles, was durch ihn geschieht, denkt und handelt, ich bin.

Ist alles also wirklich nur kondi­tio­niert und bedarf es somit nur einer Dekon­di­tio­nierung? Ist das Erwa­chen dann nichts weiter als ein kom­plet­tes Dekon­di­tio­nieren des Systems, so dass kein Ich mehr zurück­bleibt und nur das pure Geschehen übrig bleibt?

Geschieht bei dir dann nur noch ein Benut­zen des Wortes “ich” ohne einen fühl­baren Inhalt bzw. ohne den Glauben daran?

Dass alles, was geschieht, sich auf einem Hinter­grund abspielt und eigentlich dasselbe ist, also eins, kann man als Mensch doch gar nicht ver­ste­hen können, oder? Das Erleben ist doch offen­sicht­lich ein anderes. Als wäre es doch nur ein Glaube. Ein Glaube an einen unka­putt­baren Hinter­grund, Urgrund oder wie man es auch immer nennen will, oder? Es gibt doch dann gar nichts anderes, was “ich” wahr­neh­men oder sein kann, als das was, sich gerade so zeigt (für mich)? Es gibt nichts zu tun, nichts zu ändern und nichts zu ver­än­dern, da es mich nicht gibt, aber dennoch erlebe ich es (oder es sich) doch als schein­ba­res Ein­zel­wesen. Oder ist das bei Dir anders???

Mir scheint, da gibt es echt einen Unter­schied zwi­schen dem Ver­ste­hen und dem Sterben des schein­baren Ichs. Ist das so?

Ich würde mich sehr über eine Antwort von dir freuen.


Danke für deine Fragen! Ich antworte dir sehr gerne.

• Du schreibst: Dann kommt ein Gedanke, der sagt: …‘Ha, da war ich wohl nicht auf­mer­ksam genug’ und der nächste: … ‘Mensch, ich muss ja noch ein­kau­fen’, und schon ist es vor­bei mit der Entspannung.”

Ist es denn wirklich das Wort ich, das zu Anspan­nung führt, oder sind es Begriffe wie Nicht … genug und Ich muss noch …? Die Vor­stel­lun­gen, wie du sein oder erle­ben müsstest und was du machen müsstest?

Es denkt und tut sich ja auch durch diesen Kör­per, und irgend­wie hat dieses System ja gelernt, dass dieser Kör­per ich bin, und auch alles, was durch ihn geschieht, denkt und handelt, ich bin. … Geschieht bei Dir dann nur noch ein Benut­zen des Wortes ‘ich’ ohne einen fühl­ba­ren Inhalt bzw. ohne den Glauben daran?

Wenn ich das Wort ich benutze, dann meint der Orga­nis­mus sich selbst. Die Leben­dig­keit, die als dieser Orga­nis­mus lebt. Ganz einfach.

Zum Beispiel könnte ich, der Orga­nis­mus, einfach sagen: Meine Hände sind schmut­zig, ich gehe mich mal waschen. – statt: Diese Hände sind schmut­zig, Gehen und Waschen geschieht … schein­bar. Für niemanden. Wenn ich anfange so zu reden, erschieß mich bitte.

Das Wort ich ist ein prakti­sches Kürzel für den leben­den, den­ken­den, wahr­neh­menden, sich bewe­genden Organismus.

Und natürlich lässt sich dieser Organismus von seiner Umgebung unterscheiden, natürlich kann ich ihn von dem Stuhl unterscheiden, auf dem ich sitze, und von der Kleidung, die ich trage. Und in Gedanken kann ich ihn aus der Situation heraus lösen und damit aus dem Jetzt heraus lösen.

Diese Möglichkeit zu unter­schei­den oder ihn gedank­lich aus der Situ­a­tion heraus zu abstra­hie­ren behin­dert aber nicht das Erleben von Eins­sein und Ganz­heit: Unter­schei­dung ist nicht Trennung.

Wenn du deine (ich weiß: das böse Wort!) Hand anschaust, dann siehst du einzelne Finger, wenn du sie mit diesem Filter betrachtest, der sie von der Hand und den anderen Fingern unterscheidet. Daran ist nichts verkehrt. Jeder Finger ist eine eigene Erlebniswelt, auf seine eigene Art lebendig. Wenn sich ein Finger verletzt, tut nur er weh, die anderen Finger  enicht.

Und doch ist dieselbe Leben­dig­keit in jedem Finger. Und wenn du einen Finger verlie­ren würdest, wäre dieselbe Leben­dig­keit immer noch da, nur ohne Erle­ben und Bewe­gen dieses Fingers. Immer noch ganz und vollständig.
Dasselbe könntest du mit jedem ein­zel­nen Finger über­prü­fen: Seine Finger­kuppe ist nicht das Finger­ge­lenk oder der Finger­na­gel und doch können sie als ein einziger Finger erlebt werden, als eins ohne Tren­nung. Als Ein­heit in den Unterschieden.

Das Erleben des Jetzt ist als Ganzes da, das beinhal­tet auch den Erlebenden.
Der Organismus ist keine tote Mate­rie und nicht getrennt von mir, sondern pures Leben, dieses leben­dige Zusammen­spiel, dieses Gesamtgeschehen.

Dass alles, was geschieht, sich auf einem Hinter­grund abspielt und eigent­lich dasselbe ist, also eins, kann man als Mensch doch gar nicht verstehen können, oder? Das Erleben ist doch offen­sichtlich ein anderes.
Also wäre es doch nur ein Glaube. Ein Glaube an einen unkaputt­baren Hinter­grund, Urgrund oder wie man es auch immer nennen will, oder? Es gibt doch dann gar nichts anderes, was ‘ich’ wahrnehmen oder sein kann als das, was sich gerade so zeigt (für mich)? Es gibt nichts zu tun, nichts zu ändern und nichts zu verändern, da es mich nicht gibt, aber dennoch erlebe ich es (oder es sich) doch als schein­bares Einzel­wesen. Oder ist das bei dir anders???

Glauben hilft da nichts. Da ist kein Hinter­grund, keine Lein­wand, keine Träger­substanz … Aus all diesen Meta­phern und Begrif­fen macht sich das Denken eine Vor­stel­lung, die nur eine Vor­stel­lung bleibt. Ein Etwas, ein Objekt, an das geglaubt werden kann.
Da ist nur diese Lebendigkeit. Sie ist völlig offen, sie kann nicht wie ein Objekt wahr­ge­nom­men werden. Aber sie kann ganz direkt erlebt werden, ganz ohne Gedanken und ganz ein­deu­tig und klar. So erlebe ich sie.

Anders gesagt: Lebendigkeit erlebt sich, ohne Subjekt und ohne Objekt (oder, wenn diese Unterteilung stattfindet: als Subjekt und Objekt zugleich).

Und diese eine Lebendigkeit nimmt in allen Formen Gestalt an, bewegt sich als alles. Als Zusammen­spiel der Einzel­wesen, der Orga­nis­men. Frei von den Erschei­nun­gen, frei in den Erscheinungen.

Auch als das Verstehen, dass du gerade andere Sinnes­ein­drücke erfährst als ich, dass jeder Orga­nis­mus eine eigene Erfah­rungs­welt dar­stellt, und dass das zum Zusammen­spiel gehört wie verschie­dene Klänge und Instru­mente und Hörer zur Musik: Die Töne sind nicht getrennt in der Musik.

Da ist einfach nur das gegen­wär­tige Erleben, und die Gegen­wart wird in all ihrer bunten Vielfalt als eins erlebt und geliebt. Dieses ganze Erleben ist Pro­jek­tion des Bewusst­seins durch Organismen.

Die Illusion, die Stress bringt, ist nicht der Org­anis­mus, sondern der Besitzer und Lenker des Org­anis­mus, der irgend­wie vom Org­anis­mus getrennt dem (Er)leben gegen­über zu stehen scheint.

Das Denken nimmt solche Beschrei­bun­gen des Eins­seins schnell mal als Vorgabe und ver­sucht dann, diese anschei­nend noch aus­ste­hende Erfah­rung anhand einer Vor­lage zu kon­stru­ie­ren und herbei­zu­denken. Aber wenn das Erle­ben nicht dafür her­hal­ten soll, Vor­stel­lun­gen zu erfül­len, sondern sein darf, wie es ist, dann zeigt sich das Eins­sein von selbst. Denn wie du schreibst: Mit dem gedank­li­chen Ver­stehen hat es nichts zu tun. Aber Ster­ben des schein­ba­ren Ichs würde ich es auch nicht nennen, sondern eher Erwa­chen oder völliges Auf­gehen im Jetzt.


Ich danke dir für deine Antwort und bin froh, dass ich dich wahr­schein­lich niemals erschießen muss 😆, da du dich ein­fach klar und normal aus­drückst. Genau dafür “lieb ich dich” und deine Art zu reden, zu erklä­ren und ein­fach zu sein.

Ich bin mir nun siche­rer denn je, dass alles genau rich­tig ist so wie es ist.
Sicher auch, dass ich bei aufkom­men­der Ver­wir­rung lieber dich frage als sonst irgend­wen und du mir durch deine Worte wieder zur Klar­heit verhelfen kannst.

Gestern Abend habe ich mir mal wieder ein Video von dir und der Gruppe angeschaut / angehört, in dem es um Expe­ri­mente im Bewusst­sein ging – es war unglaub­lich. Ohne Kon­zepte war da wirk­lich fühl­bar alles im Bewusst­sein, so groß und weit und alles fand darin statt – Hören, Gedanken, Fühlen, Bilder usw. …

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Vergänglichkeit und Flow

Nondualität: Flow

Hallo Dittmar, ich hab mir auf YouTube schon einige deiner Aufzeichnungen angeschaut; es ist echt super, dass du das machst und es sind schon interes­sante Fragen der Teilnehmer dabei. Danke schon mal dafür, und ich hoffe, ich hab bei einem der zukünftigen Termine auch mal Zeit, live teilzunehmen.

Ich hätte auch selbst mal eine Frage an dich, und zwar komme ich schon immer mehr für kurze Zeit in das Erleben des Moments und das ist schon wirklich ein tolles Gefühl. Mir fällt jedoch gerade im Urlaub die letzten Wochen etwas auf, vor allem fiel es mir noch nie so schwer wie heuer, wieder nach Hause zu fliegen. Jeden Tag habe ich voll genossen, doch trotzdem oder gerade deswegen erzeugt meinem Gefühl nach auch dieses volle Bewusstsein des Moments bei mir einen gewissen Flow, und ich versuche auch oft, damit den Moment noch länger festzuhalten,  doch umso schneller vergeht mir irgendwie die Zeit. Ich hoffe es ist einigermaßen nachvollziehbar weil es ist ja doch schwer zu beschreiben. Ist es der Verstand, der einem da dazwischen funkt?

Bin ich hier an Fragen angekommen, die dir schon auch mal untergekommen sind und die auch einfach dadurch schon immer schwieriger zu begreifen sind, weil es eben nicht begreifbar ist mit dem Verstand? Dazu kommt noch ein Punkt, und zwar: Dieses bewusste Wahrnehmen von Momenten und besonders der schönen macht sie trotz allem nicht verlängerbar, und das hat mich doch etwas in ein kleines Tief fallen lassen. Denn wenn es ja immer nur den gegenwärtigen Moment gibt, dann ist jeder schöne umso kostbarer, aber auch genauso vergänglich, und die weniger schönen kommen mit Sicherheit auch, vor allem, wenn die Zeit hier irgendwann mal zu Ende geht.

Ein interessanter Zeitpunkt, auch wenn gerade in dieser Zeit solche Fragen so stark ins Bewusstsein kommen. Ich würde mich freuen, wenn du vielleicht den einen oder anderen Rat für mich hättest.


Es ist sehr sinnvoll, Umgebungen und Situationen aufzusuchen, die dem Organismus gut tun: Frische Luft, Weite, Bewegung … Solange wir nicht das Erleben von Präsenz davon abhängig machen. Die Weite der Landschaft lädt die Weite des bewussten Erlebens ein, aber das Bewusstsein ist von Natur aus weit und nicht an Umstände gebunden.

Die Einzigartigkeit des Moments zeigt sich leichter unter außergewöhnlichen Umständen. Das liegt daran, dass gewohnte (gewöhnliche) Umstände für das Denken in die Kategorie “Nichts Besonderes, kenne ich schon, uninteressant” fallen. Unser Wohnzimmer ist zum Beispiel so gewohnt, dass uns nichts “Besonderes” auffällt, wenn wir hineingehen. Es ist halt “so wie immer”. Daher wendet sich die Aufmerksamkeit eher dem Denken zu. Und weil im Denken ja meistens auch nichts Neues oder Interessantes abläuft, breitet sich erst recht ein Gefühl von Langeweile aus, unbefriedigt und gespalten zwischen Erleben des Jetzt und Denken an etwas anderes.

Im Denkmodus scheint die schönste Situation, die schönste Landschaft fad, weil wir sie nur halbbewusst erleben. Und im direkten Erleben kann es sensationell sein, einfach nur im Wohnzimmer auf der Coach zu sitzen oder am Bahnsteig zu stehen, bis der Zug kommt. Eine ganz neue, einzigartige Erfahrung. Pure Lebendigkeit! Diese Lebendigkeit ist das Bewusstsein, das in allen Wahr­neh­mungen Gestalt annimmt, als Präsenz, als Gegenwärtigkeit, als Sinnen­fülle.
Der Moment verliert, wenn er mit anderen Momenten verglichen wird. Er verliert seine Einmaligkeit, und er erscheint weniger lebendig, weniger interessant, weniger “genießbar”.

Das Aufgehen im Moment, das Einssein mit der Gegenwart gerät in den Hintergrund, und es entsteht der Eindruck eines Ichs, das sich durch die Zeit bewegt, von einer (vielleicht schönen) Vergangenheit zu einer (vielleicht blöderen) Zukunft – durch eine fade Gegenwart, die nur ein Durchgangs­moment zu sein scheint, ein Wegwerf-Augenblick statt purer Lebendigkeit.

Das liegt also nicht an den Umständen, nicht am schönen Urlaubsort oder dem langweiligen Arbeitsplatz, sondern daran, ob dem Erleben Aufmerksamkeit geschenkt wird, und mit der Aufmerksamkeit Lebendigkeit geschenkt wird.
Umstände lassen sich nicht festhalten, das Leben ist ein Fließen, nichts bleibt. In der Vergänglichkeit, in der ständigen Veränderung lässt sich nichts festhalten. “Flow” beschreibt das Fließen der Energie, nichts Statisches, nichts zum Festhalten.
Das bewusste Erleben dieses Flusses ist dieser Flow, den wir lieben und der sich zeigt, wenn eben nicht versucht wird, etwas festzuhalten. Das völlige Aufgehen und Mitfließen im Jetzt.
Die Offenheit fürs Erleben, wie auch immer es sich jetzt gerade zeigt – das ist, was wir lieben und was wir sind.


Hallo Dittmar, vielen Dank für deine ausführliche Antwort! Ich verstehe, dass ja erst die Bewertung auf Basis unserer Glaubenssätze aus einem Moment mehr macht als aus einem anderen. Auch die Sichtweise, es könnten schwierigere Momente kommen und es wäre ja so wie jetzt genau richtig, wird aus dieser Bewertung heraus erzeugt. Es kann daher, genau wie du sagst, nur das allumfassende Ankommen im Moment die Freiheit von all diesen Beschränkungen ermöglichen.

Ich erkenne mittlerweile auch bei alltäglichen Tätigkeiten schon ein wenig die Erfülltheit im Moment. Auch schaffe ich es immer wieder zumindest zu versuchen ins Fühlen zu kommen. Der Verstand, das Ego ist halt auch sehr stark, sodass es immer so kurze Funken sind und dann sehr rasch wieder Gedanken kommen.

Aus deiner Erfahrung, ist dieser Prozess des Eins werden meist ein langsames immer wieder etwas länger anhaltendes Fühlen oder könnte es auch zu Sprüngen kommen und es dann auch mal wirklich spürbar möglich sein, in dieser Freiheit zu bleiben? Diese kurzen Funken finde ich schon immer äußerst friedvoll und kraftvoll.


Was du “Eins werden” nennst, würde ich “Erkennen des Einsseins” nennen, das Wegfallen der Illusion von Trennung. Das völlige Aufgehen im Jetzt nimmt dieses Getrennt­heits­emp­finden mit sich. Übrig bleibt nur Präsenz.

Das Erleben dieser Präsenz ist so schön und klar und wach, dass die Versprechungen des Denkens nicht mehr so ziehen. Wenn du weißt, was du wirklich liebst und wo das Glück ist, dann lässt die Verlockung von Ablenkungen nach.
Das heißt aber nicht, dass die gewohnten Gedanken gelöscht wären. Sie können weiterhin auftauchen, wie das halt so ist mit Gewohnheiten. Und dann können sie die Aufmerksamkeit in die Trance der Normalität ziehen: die gewohnte Beschreibung, wer du bist, was vor dir und was hinter dir liegt, wie die Welt ist …

Wenn die Gedanken aber zur Ruhe kommen und das Erleben nicht mehr fragmentiert ist – nicht mehr zersplittert zwischen dem Erleben und den Gedanken an wann anders und woanders –, dann ist das wie ein Sprung, ein Erwachen aus Träumen zur Wirklichkeit. Der Organismus erwacht zur Lebendigkeit, zur Freude und Freiheit des direkten Erlebens. Und dann erscheint es immer weniger sinnvoll, sich von diesem Glück abzuwenden und wieder in Träume abzutauchen.

Du kannst direkt erleben, wie das Einssein mit dem Moment eingetrübt wird, wenn Gedanken aufkommen, die sich mit etwas anderem als der Gegenwart beschäftigen. Das Unbehagen, das diese Gedanken mit sich bringen, führt meistens dazu, dass sich die Aufmerksamkeit noch mehr von der (jetzt nicht mehr so erfüllenden) Gegenwart abwendet und sich immer mehr im Denken verfängt. Ein latentes Gefühl von Anspannung und Besorgnis legt sich übers Erleben.

Wenn du aber auf genau diesen Übergang achtest, an dem Gedanken den Flow und das Gefühl von Gegenwärtigkeit unterbrechen, dann kannst du diese Eintrübung live erleben. Dann erkennst du, dass es Stress bedeutet, sich von der Erfülltheit abzuwenden. Und dass du diese “Funken” der puren Lebendigkeit mehr liebst als alles andere, dass sie deine Natur und dein Zuhause sind.

Wenn der Unterschied zwischen offener Wachheit (Flow) und Gedanken an etwas anderes (Fragmentierung und Anspannung) klar erlebt wird, dann zieht es die Aufmerksamkeit immer stärker in die Gegenwart statt ins Gedanken­karussell. Und wenn es wirklich mal etwas zu bedenken gibt, etwas zu planen oder zu reflektieren, dann kann das ohne Verwicklung geschehen.

Ohne die Identifikation mit einem Denker sind Gedanken einfach nur ein Werkzeug zur Planung, das beiseite gelegt wird, wenn die Planung beendet ist. Und wenn sie sich anbieten, obwohl gerade nichts zu planen ist, werden sie wahrgenommen, aber nicht aufgegriffen, nicht verfolgt. Dann kommen sie sehr schnell zur Ruhe, weil Erleben als so viel erfüllender erkannt wird als Bedenken.


Hallo Dittmar, vielen Dank für die Antwort!
Über den Bereich auf deiner Homepage bin ich noch gar nicht gestolpert. Ich habe dadurch gleich noch Antworten auf Fragen gefunden, die ich dir gerne noch gestellt hätte. Somit sind sie nun schon beantwortet. Finde diese Rubrik auch wirklich toll, weil sie eben zeigt, dass es ähnliche Herangehensweisen oder Sichtweisen am Weg zum Einswerden gibt. …

Ich finde deine Antworten zu den Themen wirklich äußerst faszinierend und ich glaube dir deine Beschreibungen sofort, dass es dann wirklich befreiend und weit ist, im reinen Erleben verweilen zu können. Ab und an glaube ich zumindest einen Sekundenbruchteil dorthin zu kommen und das lässt dies auch erahnen – aber dann ist auch schon wieder der Denker zur Stelle! 😉

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Körper, Traumwelt, Nondualität

Wenn wir alle nur ein Bewusstsein (nondual) sind, als was existieren wir dann in dieser Traumwelt? Und wenn ich kein Körper bin, warum bilde ich mir ein, gerade dies am deutlich­sten zu spüren? Kann ich lernen, Non­dua­lität wahrzunehmen?


Statt “Traumwelt” würde ich lieber “Erscheinungen im Bewusstsein” sagen: Alles, was du erlebst, erscheint im Bewusstsein.

Wir existieren hier als Bewusstsein, das erfüllt von Sinneseindrücken ist: Wir sehen, hören, riechen, schmecken und fühlen. Auch Gedanken sind als “innere Bilder” oder “innere Stimmen” da, die wir sehen bzw. hören; auch Emotionen und Intui­tionen fühlen wir.

Für sinnliches Erleben brauchen wir Körper: Ohne Augen sehen wir nichts. Und wenn das Gehirn – ein körperliches Organ – betäubt oder berauscht oder beschä­digt ist, dann kann das unser Erleben, unser Denken und Fühlen sehr stark verändern.

Der Körper ist jetzt einfach da, ob als Traum oder als “Realität”, jedenfalls als Erleben. Es wäre nur verwirrend, das zu leugnen.

Weil der Körper da ist, ist Erleben da. Und gleichzeitig ist der Körper, was im Erleben erscheint.

Im Einssein, also dem nondualen Bewusstsein, läuft das Spiel der Vielfalt, das Spiel der Unterschiede, der Veränderung und Bewegung, der Sinne, der Farben, Klänge, Sensationen, das Spiel der Dualität.
Und in diesem Spiel des Bewusstseins haben Organismen eine wichtige Rolle: Sie sind das Spielfeld und die Spielfiguren.

Sie sind auch das Medium, durch das wir gelernt haben, uns getrennt voneinander zu fühlen. Denn offen­sicht­lich weißt du Dinge, die ich nicht weiß, zum Beispiel, was du heute gegessen hast und was du gerade denkst und so weiter. Ein Spiel im Bewusst­sein können wir also nennen: “Ich sehe was, das du nicht siehst, und das ist ‘mein’ Erleben.” So gesehen sind Körper also Symbole der Tren­nung und Begrenzt­heit – wenn wir den Gedanken glauben.

Körper sind aber auch das Medium, durch das wir uns kennen­lernen und Eins­sein erfahren können. Das kann deutlich werden beim Sex (kann, muss aber nicht), oder wenn wir gemein­sam singen oder musi­zieren oder tanzen oder uns anschauen oder berühren … oder einfach wenn wir zusammen sind. Da können wir fühlen, dass diese Orga­nis­men von derselben Leben­dig­keit gelebt und erlebt werden.
So ist das körper­liche, sinn­liche Erleben pure Leben­digkeit, eine Feier des Lebens, ein Zusammen­spiel von Energie, eine unvor­stellbar reiche Bewe­gung im Bewusst­sein, ein Fest der Viel­falt und des Zusammen­seins im Einssein. Liebe.

Wenn sich die Aufmerk­sam­keit dem zuwendet, was da erlebt, dann findet sie die­selbe Offenheit für all das unter­schied­liche Erleben.
Das gilt für den “einzelnen” Orga­nismus, der die unter­schied­lichsten Berüh­rungen erlebt und unzählige Farben und Klänge und Gerüche und so weiter … alles in dem­selben Bewusst­sein: Da ist diese eine, unteil­bare Offen­heit für all die verschie­denen Sinnes­ein­drücke. Trotzdem weiß die Hand nicht, was die Nase riecht.
Und ebenso gilt das auch für das ganze Spiel der Erschei­nungen: Da ist die eine Offen­heit für alles Erleben in allen Orga­nismen. Die Orga­nismen erleben ihre eigenen, speziellen Sinnes­ein­drücke (“Ich sehe was, das du nicht siehst”), und doch ist da diese eine unend­liche Offen­heit in ihnen allen.

Du findest dieses Prinzip in jeder Größen­ord­nung: Atome, die als Mole­küle zusam­men­spielen, die als Zellen zusam­men­spielen, die als Organe zusam­men­spielen, die als Organismen zusam­men­spielen, die als Familien oder Firmen zusam­men­spielen, eingebettet in der leben­digen Welt, die sie trägt und ernährt …

Eine Zelle in der Niere weiß nicht, was in der Lunge vor sich geht, aber sie ist dasselbe Leben, Ausdruck derselben Leben­dig­keit. Ganz und Aspekt des Ganzen. Wir sind unendlich vielfältig eins.

Wie kann diese Nondualität, diese eine offene Leben­dig­keit wahr­ge­nommen werden? Indem wir auf­hören, uns von Gedan­ken die Welt vor­schreiben zu lassen. Wenn wir auf­hören, die dualen Beschrei­bun­gen der Gedanken für “die Wahr­heit” und “die Auto­rität” zu halten. Wenn wir statt­dessen offen und unvor­ein­ge­nom­men schauen und fühlen, was wir sind, was Erle­ben ist, was Leben­dig­keit ist, dann zeigt sich das Eins­sein von selbst. Einfach weil die Aufmer­ksam­keit nicht mehr von Beschrei­bun­gen und Bedin­gun­gen, wie das Erleben sein sollte, abge­lenkt und ver­zerrt wird. Wenn das Erleben keine Bedin­gung erfüllen muss, wenn es nicht für etwas her­halten muss, dann zeigt es sich in seiner Absolut­heit: frei und unendlich reich.

Sobald die Auf­merk­samkeit nicht mehr durch Bedin­gungen gefil­tert wird, sobald nichts “anderes” wichtig scheint, ist Offenheit fühlbar und präsent.

In dieser bedingungs­losen Erlaub­nis zu erleben, was da ist, in dieser liebev­ollen Offen­heit erkennt das Bewusst­sein sich selbst als liebe­volle Offen­heit.

Der Traum der Bedin­gun­gen und damit der Unvoll­stän­dig­keit und Getrennt­heit kann auf­hören und das Spiel der Erschei­nun­gen geht weiter. Nur wird es nicht mehr als Hinder­nis erlebt, sondern als Wunder.

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An das Leben: Alles Liebe!

Nondualität | An das Leben: Alles Liebe!

Wie lebendig du dich fühlst,
wie wach und präsent,
wenn du als Ganzes erlebst!

Du kannst alles in Liebe erleben.
Du bist frei,
ganz du zu sein, ganz da zu sein

als unbegrenztes Jetzt,
offenes liebendes Jetzt,
das alles ist.

Du kannst alles von der Last erlösen,
dir was bringen zu müssen
außer Lernen.

Du lernst, was da ist,
was du bist,
was du liebst.

Du musst nicht gegen den Strom schwimmen.
Du kannst flussaufwärts sehen
und die Quelle fühlen.

Liebe ist da.

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Das Erleben des Jetzt … jetzt!

Hi Dittmar,

hier mein kleines nondualistisches Erlebnis!😉

Mir war der Satz “Alles ist eins” suspekt, immer wenn ich den hörte oder las, suchte ich irgendwo dieses Einssein … und fand es natürlich nicht. Wenn ich z.B an der Ampel auf grün wartete, sah ich einen Begrenzungspfosten am Straßenrand. Ich stellte mir vor, wie der Teil von dem Pfosten, der im Boden war, eins mit mir wurde, wie die Erde den Pfosten umgab und alles drumherum eins mit mir wurde …
Hab dann den Gedanken dahinter sehr schnell erkannt und dieses Einssein
als Gedankengebilde und Wunschtraum ziehen lassen.

Vor ungefähr zwei Wochen war ich spazieren im Wald, versuchte alle Sinne zu benutzen, um wahrzunehmen, was es um mich herum gab.
Dann auf einmal … verstand ich, was mit “alles ist eins” gemeint ist.
Es ist das “Jetzt”. Jetzt ist alles. Jetzt passiert alles. Jetzt verbindet alles. Es gibt nichts außer dem Jetzt, somit ist alles Jetzt. Alles was passiert, passiert Jetzt. Das ist die Einheit mit Allem. Alles ist im Jetzt eins.

Das war kein logisches Erkennen, das war auch kein super Freudengefühl. Es war eine Wahrnehmung, die einfach da war – und wie die da war! Ich war in dem Moment nicht mehr da.
Erst als ich über das Geschehene nachdachte, war ICH wieder da und versuchte sogleich zu analysieren, was da grad geschehen war.

Ich hab dann einfach wieder an Jetzt gedacht und es kam mir vor, als wenn sich mein Kopf öffnet und ICH war nicht mehr da. Es war da, was meine Sinne wahrnahmen und ein “Gefühl”, als wenn wirklich alles zusammengehören würde. Ich sah das Dorf im Hintergrund, den Wald und die Wiesen vor mir … und die Vorstellung, wie jeder einzelne jetzt grad etwas macht, seien es Menschen, Tiere oder Pflanzen … alles irgendwie gleichzeitig, aber nicht hektisch oder so. Es war einfach da. Jetzt.

Danach kam das ICH und analysierte dieses vergangene “Jetzt” in der Art wie: “Was war das? War das die Einheit? Was habe ich gefühlt? …” Diese Gedanken konnte “ich” als nur Gedanken kommen und wieder gehen lassen….

Jetzt, glaube ich, verstehe ich das: “Es ist schon da …”, “Du brauchst nichts zu machen …” Das Jetzt ist immer da. Schön, dass jetzt Jetzt ist! 🙂
Ja, das war mein Erleben des Jetzt. Wenn das konfuse Geschreibsel einer versteht, dann bist Du das. 😄 Danke, dass Du es gelesen hast!


Freut mich! Und wie ist das Erleben des Jetzt jetzt?

Ja, mit “Gedankengebilden und Wunschträumen” hat das Einssein gar nichts zu tun (außer dass sie halt auch in ihm auftauchen).

Du setzt anscheinend “Ich” mit “Nachdenken” gleich: “ICH war nicht mehr da … Danach kam das ICH und analysierte …”
Was ist das, was zurück gekommen ist? … außer Gedanken? Das ist keine rhetorische Frage (leicht abzutun mit “Ja klar, nur Gedanken”). Sondern lohnend zu schauen: Wenn das, wofür du dich hältst (gehalten hast), nicht da ist, was ist “stattdessen” da?

Ich vermute, dass in deiner Erkenntnis klar war:
1. Das Zusammensein als Eins ist wesentlich “realer”, klarer und stimmiger als das übliche fragmentierte Erleben.
2. Das ist immer so, es ist nie Nicht-Jetzt.
Stimmt’s?

Deshalb nochmal die Frage: Wie ist das Erleben des Jetzt jetzt?
Und nochmal: Ich freue mich über dein Erlebnis und dass du es mit mir “teilst”!


Was ist das, was zurückgekommen ist?  Gute Frage!

Das was “zurückkam” würde ich so beschreiben, wie wenn Du Vögel am Futterhaus beobachtest und die dann versuchst zu bestimmen. Der, der das macht, die Vogelbestimmung, der kam zurück und hat das Erlebte versucht so zu beschreiben, dass es in meine Landkarte passt.

Deine zwei Vermutungen stimmen. Ich erinnere mich, dass in diesem Ereignis eigentlich alles stimmig war. Da war kein Gedanke eines Zweifels. Und es war Jetzt. Dieses Präsente. Es gab keine Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft.

Im Nachhinein hatte ich dieses starke Erleben seit diesem Spaziergang nicht mehr. Was ich spüre ist, dass ich im Alltag sehr oft vom “Autopilot” gesteuert werde und öfters in einen Tunnel fahre. Oft bemerke ich es zu spät.  Dann kommt ein Gedanke, der sagt: “Jetzt”.  Danach kommen Erinnerungen an das Ereignis. Manchmal, für ein paar Sekunden, meine ich, wieder mit Allem verbunden zu sein.

Das augenblickliche Jetzt ist nicht das Erleben vom Spaziergang. Es sind sehr viele Gedanken da, von der Vergangenheit, Zukunft und dem Taubengegurre vor dem Fenster.

Was auch immer öfters erscheint, ist der Wunsch nach diesem Zustand.

Ich freue mich und bin ein bisschen “stolz”, dass Du mit mir über meine Erlebnisse schreibst 😊   Danke!


Was zurück kam oder wieder eingesetzt hat, ist also ein automatisches Kategorisieren. Eine mentale Aktivität, bist das “du”?

Und es sind wieder mehr Gedanken im Spiel, die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Inklusive der Erinnerung an das “Ereignis” und dem Vergleichen des “Ereignisses” mit dem augenblicklichen Jetzt.
Mentale Aktivitäten, bist das “du”? Oder werden sie wahrgenommen wie das Taubengurren vor dem Fenster?


Du hast Recht, diese mentale Arbeit sind einfach nur Gedanken, die wahrgenommen werden wie das Taubengegurre!

Wer nimmt die wahr? Bin das ich?

Dass sofort nach der Wahrnehmung wieder Gedanken zum Wahrgenommenen Gedanken auftauchen … lustige Sache. Manchmal, wenn ich z.B. im Bett liege, versuche ich, die Gedanken, die da auftauchen, einfach zu beobachten. Jetzt merke ich, dass der Beobachter auch nur ein Gedanke ist. 🙂

Das oder der merkt, dass der Beobachter auch nur ein Gedanke ist, bin das ich? Oder ein weiterer Gedanke, ein Beobachter des Beobachters? Wie viele Beobachter gibt es ?

Muss da noch vieles auf mich wirken lassen und noch viele Gespräche mit Dir führen 🙂


“Wer nimmt die wahr? Bin das ich? … Das oder der merkt, dass der Beobachter auch nur ein Gedanke ist, bin das ich?”

MUSST du denn etwas sein? Da sind diese mentalen / energetischen Prozesse /Aktivitäten: Suchprozesse, Informationsverarbeitung, Einordnen usw. Und einer dieser Prozesse ist die Identifikation: das Einsortieren in die Kategorie “Ich” im Gegensatz zu “Nicht ich”.

Auch Beobachten ist ein Geschehen: Bemerken, Erkennen … alles energetische / mentale Prozesse.
Auch das Beobachten kann beobachtet werden, diese Aktivität fühlt sich vielleicht “spacig” an, ist aber auch ein energetisches Geschehen.
Da findest du den Organismus, z.B. die Augen, die sich bewegen und fokussieren, dann findest du Gedanken, die z.B. “Aha!” sagen (oder “Ui!”), und ein Gefühl des “Passens”, ein gefühltes “Aha!” (oder “Ui!”).

Also auch wieder mentale / energetische Prozesse. Findest du ein “Du”, das all das findet, einen Beobachter – oder nur Prozesse, Bewegungen im Energiefluss?

Und die Stille, in der sich all diese Bewegungen abspielen; Stille, die in ihnen Gestalt annimmt?

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kurz & bunt

… hier ein paar kurze Sätze, die ich mal gesagt oder geschrieben habe, auf buntem Hintergrund ... 🙂

Gedichte

 

Diese Gedichte findet ihr auch im E-Book “Voll die Leere” bei amazon.

Fragen & Antworten

Hier findet ihr Fragen, die mir zu Themen der Nicht-Dualität / Nondualität gestellt wurden. Es geht um Erwachen und Wachheit, das Ich (ob es existiert, was es ist, ob und wie man es los wird …), das Bewusstsein (was ist das?), Achtsamkeit und Präsenz und vieles mehr.

Wenn ihr auch Fragen habt, schreibt mir einfach eine Mail, ich antworte gerne. Unser Austausch wird eventuell hier veröffentlicht, ihr bleibt dabei anonym – außer wenn ihr ausdrücklich namentlich genannt werden möchtet.NFragen zur Nondualität | 1als2 | Nicht-Dualität | 1als2

Fragen? Kommentare? Anmeldung?

Abwesenheit spüren?

Lieber Dittmar,

ich bin flei­ßig am Lesen dei­ner Texte und da hat sich fol­gende Frage auf­ge­tan: Wie kann ich spüren!, dass bei all die­sen (wider­sprüch­li­chen) Gedan­ken und Gefüh­len doch “nie­mand” da ist, der han­delt, son­dern alles von selbst geschieht?

Gele­sen habe ich bis­her viel; ver­stan­den ein wenig.


Darauf habe ich ein paar (wider­sprüch­li­che) Ant­wor­ten, aber nicht DIE Ant­wort.

1. Antwort: Wie könn­test du spü­ren, dass kein Gespenst im Zim­mer ist? Die Ab­we­sen­heit von “etwas” zu spü­ren, das ken­nen wir nur als Gefühl von Ver­mis­sen (“Ach, Schatzi …!”) oder Erleich­te­rung (wenn ein Schmerz weg ist).
Wenn es aber von vorn­he­rein nie ein Gespenst, ein Schatzi oder einen Schmerz gab, wie würde sich der “Unter­schied” anfühlen?

2. Antwort: Wider­sprüch­li­che Gedan­ken und Gefühle sind ja ein Hin­weis darauf, dass da keine Ich-Einheit als Ein­satz­le­iter dahin­ter­steht, sonst wären auch die Gedan­ken ein­heit­lich oder wir wären mit den Gedan­ken immer ein­ver­stan­den (d.h. keine ande­ren Gedan­ken wür­den ihnen wider­sprechen).
Das ist wie gesagt ein Hin­weis, kein Gefühl … Viel­leicht wird aber aus dem Hin­weis eine Erkennt­nis, die dann spü­rbar wird.

3. Antwort: In meinem Fall hat es sich so ange­fühlt, als wäre das, was den Laden zusam­men­zu­hal­ten schien, plötz­lich nicht mehr da. Das war, als ob ein Kleis­ter alle Gedan­ken und Gefühle und Emp­fin­dun­gen auf­ein­an­der bezo­gen hätte – und dann war da kein Kleis­ter mehr, son­dern nur noch frei schwe­be­nde Emp­fin­dun­gen und Gedanken …

Und daraus kam die Erkennt­nis: Da ist WIRKLICH nie­mand, der das alles macht! Es war also nicht so, dass ich erst etwas er­kannt hätte und diese Erkennt­nis dann spür­bar gewor­den wäre, son­dern ein “ener­ge­ti­sches Zusam­me­nhal­ten” hat auf­ge­hört und das wurde erkannt. Das, wo­für ich mich gehal­ten hatte, war nur eine Anspan­nung gewesen, ein Zusam­men­ziehen.

… So unge­fähr war es, das ist nicht wirk­lich in Worte zu fas­sen, und das heißt auch nicht: “So muss es sein”, so habe ich es halt erlebt.
Andere erle­ben das viel­leicht ganz anders (viel­leicht ganz undra­mat­isch, siehe die ers­ten bei­den Ant­worten).

Fazit (oder Zwischen­stand): Da tau­chen viele Gedan­ken und Gefühle und Sin­nes­ein­drücke auf. Taucht denn auch etwas auf, das du “Ich” nennst, oder ist das “Ich” nur der Inhalt von Gedan­ken … und da sind NUR Gedan­ken, Gefühle, Sin­nes­eindrücke?

(Suggestiv­frage!) (Aber interessant!)


Danke für die hilfreiche Antwort!

Zu 1: Ja es ist schwier­ig, etwas zu füh­len, was schon immer da ist. Manch­mal hab ich so ein Gefühl von Weite, Unend­lich­keit, Eins­sein, Glück­se­lig­keit. Das würde ich viel­leicht damit in Ver­bin­dung brin­gen. Das möchte ich natür­lich öfters spü­ren und mein Ego sagt: “Ja, such das, das ist gut” und schon sitze ich viel­leicht wied­er in der Tun-Falle.

Manch­mal taucht auch Angst auf. Was soll ich denn nur tun, wenn “nichts” mehr ist, wenn die Suche weg­fällt (hat Spaß gemacht zu suchen). Was soll ich jetzt tun? An was orien­tie­ren? Keine Wünsche, nur noch Reak­tion? Alles pas­siert von alleine; ich brau­che nichts mehr zu tun – außer das was ich tue. Komis­ches Gefühl.

Zu 3: Gestern Abend bin ich essen gegan­gen. Ich habe die Leute beob­ach­tet und da waren nur sinn­li­che Ein­drü­cke: Figu­ren sind gegan­gen, Töne waren zu hören, der Wind war zu spü­ren, alles war für sich. So wie du sagst, der Kleis­ter fehlte. Doch allzu schnell war ich wieder in allem ver­strickt.


Ja, das “Gefühl von Weite, Unend­lich­keit, Eins­sein, Glück­se­ligk­eit”! Das ist sehr schön, und es ist dann spür­bar, wenn die Auf­merk­sam­keit sich auf den Hin­ter­grund, die Quelle des Erle­bens rich­tet und darin aufgeht.

Dann werden auch die “Dinge” in einem neuen Licht gese­hen. Und dann ist es auch sehr ver­ständ­lich, dass ein Gedanke sagt: “Das will ich immer haben” (ein Gedanke macht noch kein Ego!).
Ich hab darüber mal ein Gedicht geschrie­ben, du fin­dest es hier: In voller Blüte.

Der Verstand ver­knüpft das Erle­ben von Eins­sein mit dem Empfin­den von Weite, weil “Es” da so klar und ein­drucks­voll und ein­deu­tig emp­funden wird.

Dann erscheint das Ein­set­zen von “nor­ma­len” Gedan­ken wie ein Rück­fall, wie eine Ver­strickung, und dann scheint es, als wäre der Kleis­ter wie­der da. Wenn aber keine Bedin­gun­gen daran gestellt werd­en, wie sich das Eins­sein zei­gen soll, dann ist das kein Kleis­ter, son­dern viel­leicht nur eine Emp­fin­dung von Anspan­nung oder eine Kon­ze­ntra­tion auf Inhalte, bei der der Hin­ter­grund wieder in den Hin­ter­grund tritt.

Daran ist nichts falsch. Es wider­spricht nur der Vor­stel­lung eines stän­di­gen Schwe­bens in der Glück­se­lig­keit, aber es ist halt das Leben in seiner gan­zen Viel­falt, wie Ein- und Aus­atmen.

Konzen­tra­tions­fä­hig­keit bleibt. Gedanken dür­fen kom­men. Sie sind weder ein schlech­tes Zei­chen noch wahr.

Und Wün­sche kom­men. Hun­ger ist der Wunsch nach Essen, Frie­ren ist der Wunsch nach Wärme. Alles ist völ­lig natür­lich. Nur ver­li­eren die Gedan­ken jede Glaub­wür­dig­keit, die behaup­ten zu wis­sen, wie das Leben (und damit ich) “eigent­lich” sein müsste. Und das Leben darf so sein, wie es jetzt gerade ist (als ob es jemals auf eine Erlaub­nis gewar­tet hätte!), mit allen Gedan­ken, Anspan­nun­gen und Ent­spannungen.

In dieser unbe­grenz­ten Erlaub­nis, in der Nicht-Identi­fi­ka­tion mit urtei­len­den Gedan­ken, sor­tiert sich das Erle­ben, Den­ken und Ver­hal­ten neu. Die Erkennt­nis ist nicht nur: “Da ist ja nie­mand”, nicht nur Abwe­sen­heit, sondern das Erle­ben, was statt­des­sen wirk­lich da ist: “Da ist Liebe.”

Die Aufmerksam­keit rich­tet sich immer mehr auf die Liebe aus wie Eisen­späne auf einen Mag­n­eten. In der Anzie­hungs­kraft der Liebe (“Weite, Unend­lich­keit, Eins­sein, Glück­se­lig­keit”) legt der Orga­nis­mus alte Mus­ter ab, die auf der Vor­an­nahme der Getrennt­heit gegrün­det sind. Der Blick bleibt immer mehr in der liebe­vollen Offenheit.

Das geschieht von selbst, aus Liebe zur Liebe. Mei­ner Erfah­rung nach wer­den nicht alle Mus­ter sofort und für immer abge­legt, son­dern in einem Lern­pro­zess: Das Leben lernt.

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Akzeptanz leben

Hallo Dittmar,

bei mir läuft es recht gut. Aller­dings gibt es auch immer wie­der viele unan­ge­nehme Zustände, die da auf­tau­chen. Aber ich lerne, auch diese zu akzep­tie­ren, da auch sie erlaubt sind. D.h. eigent­lich brau­che ICH sie weder erlau­ben noch akzep­tieren, denn wenn die Zustände auf­tau­chen, sind sie ja bereits da und müs­sen dem­zu­folge nicht mehr akzep­tiert werden.🙂

Die Idee, dass unan­ge­nehme oder uner­wünschte Gedan­ken und Gefühle NICHT da sein soll­ten (oder dür­fen), macht eigent­lich alles nur schlim­mer. Wenn man eine gute Zeit hat und man sich wohl fühlt, ver­sucht man natür­lich mit allen Kräf­ten, die­sen Zustand zu erhal­ten (zu “kon­ser­vie­ren”). Das funk­tio­niert aber lei­der nicht. Wenn ein unan­ge­neh­mer Zustand auf­taucht, will man ihn so schnell wie mög­lich los wer­den. Auch das funk­tio­niert nicht. Der Zustand bleibt, so lang er eben bleibt.

Ich merke, wie sehr man durch die jahre­lange Suche und das viele Lesen von Spirit-Litera­tur, das Auf­suchen von Sat­sang-Lehrern usw. doch voll­ge­stopft ist mit Vor­stel­lun­gen, was das Erwa­chen angeht. Ich finde das auch bei dei­nem Gesprächs­kreis manch­mal etwas schwie­rig, da ich spüre, wie sehr manche an diesen Vor­stel­lun­gen hän­gen, dass nach dem Erwa­chen bestimmte Zustände nicht mehr aufzu­tau­chen haben. Ich sehe da eine Wei­ge­rung, mit DEM umzu­gehen, was DA ist. Wie siehst du das denn?

Im Moment beschäf­tige ich mich kaum mit diesem gan­zen “Erleuch­tungs­kram”. Ich beob­achte ein­fach das Leben. Von Moment zu Moment. Und ich sehe auch, wie die Gedan­ken immer wieder alles als “meins” in Besitz neh­men wol­len. Dabei hat das alles im Grunde über­haupt nichts mit “mir” zu tun. Und es sind halt auch ein­fach nur Gedan­ken, die auf­tau­chen und wie­der verschwinden. 

Herzliche Grüße


Liebe …,

das mit der Akzeptanz ist eine sehr interes­sante Frage.

Dass es kein “Ich” gibt, ist intel­lek­tu­ell sehr leicht zu ver­ste­hen – nur macht diese intel­lek­tu­elle Ein­sicht (mei­ner Ansicht nach) sehr wenig Unter­schied, son­dern ist ein­fach nur eine neue Phi­lo­so­phie mit den übli­chen Dogmen.

Ichlosigkeit wirklich zu erleben, das ist ein gro­ßer Unter­schied. Das heißt erle­ben, was durch Ich-Vorstel­lun­gen ver­schlei­ert wurde: diese abso­lute, all­ge­ge­nwär­tige, unbe­dingte, bedin­gungs­lose Liebe, die sich als alles manifestiert.

Es fällt nicht wirklich ein “Ich” weg (das ja nie exis­tiert hat), sondern der Glaube daran, die Gefühls­reak­tio­nen, als ob es ein Ich gäbe – sowohl im “eige­nen” Orga­nis­mus als auch in den “anderen”.

Was bleibt, ist das ErLeben als unge­teil­tes Gan­zes mit allen Erschei­nun­gen darin: Sinnes­ein­drücke, Gedan­ken … Ein Erle­ben, dass alle Erschei­nun­gen “innen” und “außen” Aus­drucks­for­men der­selben liebe­vol­len Leben­dig­keit sind.

Diese eine Leben­dig­keit in allem ist Liebe, Frieden, Frei­heit, diese gan­zen Hippie-Begriffe. Das ist meiner Auf­fas­sung nach das ein­zige, worauf es ankommt. Nicht intel­le­ktu­elle Klar­heit, sondern Liebe.

Zum Akzeptieren und zur Unnö­tig­keit des Akzep­tie­rens: Ja, was erlebt wird, ist schon da und war­tet nicht auf Akzep­tanz. Und ja, Ver­bote und “Sollte”s machen einen Zustand eher schlim­mer, ver­festigen ihn eher.

Die Abwesenheit von “Sollte”-Denken bedeu­tet aber weder Resi­gnation noch Passivität.

“Ich habe Hun­ger – mei, so ist es halt”, das ist ja nur dann sinn­voll, wenn es keine Möglich­keit gibt, an Essen zu kom­men, oder wenn man fas­ten will. Im Normal­fall heißt Akzep­tanz nur das Wahr­neh­men des Hun­ger­ge­fühls. Dann kann auf diese Wahr­neh­mung eine Hand­lung folgen, nämlich, etwas zu essen.

Oder “Ich habe immer wieder Rücken­schmerzen – mei, so ist es halt” im Gegen­satz zur (akzep­tie­ren­den, neu­gie­ri­gen, liebe­vol­len) Erfor­schung, wo die Schmer­zen sind, wann sie auf­tau­chen (bei wel­cher Bewe­gung oder Hal­tung), ob es andere Bewe­gungs­mus­ter gibt, die den Schmerz nicht aus­lösen, usw.

Durch (z.B. Feldenkrais-) Experi­mente lerne ich sinn­vol­lere Bewe­gungs­mus­ter und dadurch habe ich viel weni­ger Schmer­zen als frü­her. Die Experi­mente begin­nen mit “Akzep­tanz”: mit Bewusst­heit über eine Bewe­gung und wie sie sich anfühlt. Dann pro­biert der Kör­per Vari­a­tio­nen aus, und wenn die sich besser = leich­ter anfüh­len, über­nimmt er sie. Viel­leicht nicht sofort in jeder Situ­a­tion, aber das Ler­nen des Neuen und Able­gen des Alten hat begonnen.

Wozu Zähne putzen, wozu Haare und Nägel schnei­den, statt sie zu akzep­tie­ren, wie sie sind? “Das Shirt passt mir nicht mehr / ist schmut­zig / zer­schlissen – naja, ich akzep­tiere, dass ich es trage” ist nicht wah­rer / freier / ich­loser / akzeptie­ren­der als “… und ich lege es ab.”

Was für diese körperlichen Bei­spiele gilt, stimmt meiner Ansicht nach genauso für mentale Erschei­nun­gen: Gedan­ken und Emotionen.

Manche alten mentalen Muster tau­chen bei mir immer noch auf, vor allem Bedin­gungen, wie andere Leute mich behan­deln soll­ten. Wenn so eine Bedin­gung ver­letzt wird (“He, rede nicht in so einem Ton­fall mit mir, unter­brich mich nicht! …”), dann kommt Wut auf und die Auf­merk­sam­keit ver­engt sich aufs Durch­set­zen der Bedin­gung. Ein Streit-Modus setzt ein, wodurch die Liebe und der Frie­den, die sonst als Grund­zu­stand da sind, in den Hinter­grund des Erle­bens gera­ten. Das fühlt sich schmerz­haft an. Und nicht wie ein kla­rer, ein­deu­ti­ger Aus­druck von Liebe, Frie­den und Frei­heit, son­dern wie Ärger, Kampf und Zwang.

Wenn ich schaue, wozu die­se Bedin­gun­gen ursprüng­lich über­nom­men wur­den, dann sehe ich, dass sie Liebe, Frie­den und Frei­heit ver­spro­chen haben, und dass die “Wehe-wenn!”-Mechanismen für die Durch­set­zung der Bedin­gun­gen kämp­fen, um Liebe, Frie­den und Frei­heit zu ermög­li­chen. Was sie errei­chen wol­len, ist genau das, was ohne Kampf schon da ist, und was im Kampf in den Hin­ter­grund gerät.

Diese Bedingungen werden nicht von “mir”, von keinem “Ich” gestellt und sind auch nicht für den Orga­nis­mus wichtig, son­dern sie sind ein­fach nur kon­di­tio­nierte Vor­stel­lun­gen, wie “es” sein sollte. Auto­ma­ti­sche Mus­ter, wie Selbst­schuss­an­la­gen. Und daher geht es nicht mehr darum, andere daran zu hin­dern, in die Licht­schran­ke zu lau­fen und die Selbst­schuss­an­lage aus­zu­lö­sen, son­dern darum, die Selbst­schuss­an­lage zu deaktivieren.

Das ist keine Arbeit und keine Tech­nik, sondern kommt von selbst durch die klare Erkennt­nis, was die Anlage/Bedin­gung bringt (Stress) und was sie kos­tet (Frieden).

Ich will einfach lieber feiern. Das heißt nicht, dass immer alles lus­tig sein muss, es gibt ja auch Trauer­feiern. Meinem Vater geht’s z.B. grad ziem­lich schlecht, da bin ich trau­rig und finde es völ­lig ok, sowohl was mit ihm geschieht als auch mein Gefühl dazu, das sehr fried­lich ist. Aber Streit fühlt sich wie eine Unter­bre­chung der Feier an, unfried­lich, “unangenehm”.

Und wenn ich schaue, welche Zustände unange­nehm sind, dann sind die immer die Reak­tion auf eine Bedin­gung, deren Nicht­er­fül­lung “unan­neh­mbar” scheint. Anders gesagt: Sie wei­sen auf einen ein­zi­gen Gedan­ken hin, der in vie­len For­men behaup­tet: “Es soll anders sein.”

Wendet sich die Aufmerk­sam­keit von ihrer liebe­vol­len, fried­lichen Quelle ab, um die­sem Gedan­ken zu die­nen? Oder sieht sie ihn mit liebe­vol­len, fried­li­chen Augen als die Ver­wir­rung, die er ist? Sieht sie, dass das Aus­agie­ren die­ses Gedan­kens “Es soll anders sein” Schmer­zen statt Freude bringt, dann hat der Gedanke keine Moti­va­tion, keine Ener­gie mehr.

Es fühlt sich ein­fach so viel bes­ser an, der Welt nicht vor­schrei­ben zu müs­sen, wie sie sein soll, son­dern sie frei zu las­sen und dadurch frei zu sein! Nicht aus ohn­mäch­ti­ger Resi­gnation, son­dern aus Liebe. Die Liebe gilt sich selbst, unab­hän­gig von Erschei­nun­gen. Und sie gilt dem Erschei­nen­den, frei von Bedingungen.

Das ist für mich ein neues /altes Krite­rium, ob die Situ­a­tion ein kla­rer Aus­druck von Liebe ist. Nach dem flash­igen ers­ten Erle­ben, dass kein Ich und keine wirk­liche Tren­nung exis­tiert, und dass nichts dazu gesche­hen muss, um einen “Zustand der Ich­losig­keit” zu errei­chen, war ich über Jahre fas­zi­niert davon, dass auch das Stellen von Bedin­gun­gen und die daraus resul­tie­rende Wut, wenn sie nicht erfüllt sind, genau­so Erschei­nungs­formen der­sel­ben Leben­dig­keit sind. Das sehe ich immer noch so. Aber ebenso wahr ist, dass es im Leben keine Stag­na­tion gibt und dass das Leben – vor allem in / als Menschen – immer weiter lernt und sich ent­wickelt. Dass es Behin­de­run­gen abstreift. Dass es alte Ver­hal­tens­wei­sen und Aus­drucks­for­men ablegt und schö­nere fin­det. Des­halb ler­nen Kin­der einen immer grö­ße­ren Wort­schatz, immer mehr Fähig­ke­iten, immer geschmei­di­gere Bewe­gung­smus­ter. Des­halb ler­nen Men­schen Musik­ins­tru­mente oder Yoga oder Tai Chi oder Knut­schen. Schöne, freie Aus­drucks­for­men der Liebe und Leben­dig­keit und Verbundenheit.

Dadurch wird keine “höhere Stufe” erklom­men, sondern ler­nende Intelli­genz lebt sich aus, sonst nichts.

Kleiner Nach­trag: Stel­len­weise habe ich in “So ist das”-Sprache geschrie­ben. Die Mail ist aber nicht als Emp­feh­lung gemeint, nicht als all­ge­mein­gül­ti­ges “So soll es sein”, son­dern als Beschrei­bung mei­nes Erle­bens, als Ant­wort auf die Frage, “wie ich es denn sehe”.

Liebe Grüße
Dittmar

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Die “Ich”-Vorstellung

Was in diesem Buch das “Ich” genannt wird, ist die Vor­stel­lung, vom Rest der Welt getrennt zu sein: ein eigen­stän­diges Wesen, das Ent­schei­dun­gen trifft und sie in die Tat um­setzt. Doch der Den­ker, Ent­scheider, Macher, für den wir uns hal­ten, exist­iert nur in Ge­dan­ken. Das “Ich” ist kein Wesen, sondern eine Akti­v­ität: eine Inter­pr­eta­tion, die alles Er­leben auf ein imagi­nä­res Zent­rum be­zieht. Dieses Zen­t­rum scheint allem “ande­ren” ge­gen­überzustehen.

Vom “Gegen­über”-Stand­punkt aus betrach­tet erscheint die Welt als Pro­blem. Wir sehen uns mit der Schwie­rig­keit kon­fron­tiert, dem Leben die Erfül­lung unse­rer Wün­sche ab­zur­in­gen: fest­zu­hal­ten, was das “Ich” stärkt, und fern­zu­hal­ten, was ihm nicht ins Kon­zept passt. Das “Ich” ver­spricht die Macht, das Leben wunsch­ge­mäß zu steu­ern. Aber der Preis für diese Vor­stel­lung ist, dass immer etwas zu feh­len scheint. Denn das “Ich” ist nur eine Fik­tion, und wenn wir uns auf eine Fikt­ion redu­zie­ren, dann füh­len wir uns unvoll­stän­dig und irgend­wie irreal.
Weil das “Ich” auf so wack­li­gen Bei­nen steht, ver­langt es viel Bestä­ti­gung und Liebe und ent­puppt sich über­haupt als sehr war­tungs­in­ten­siv. Es ist sein eige­nes Sor­gen­kind, stän­dig auf der Suche nach etwas “ande­rem”, das ihm Kraft und Sicher­heit ver­lei­hen könnte. Von der Erfül­lung seiner Bedin­gun­gen erhofft es sich das Ende sei­nes Lei­dens. Aber eigent­lich lei­det es unter der schein­ba­ren Tren­nung von allem “ande­ren”, die es nie über­win­den kann, weil es nur in der Illus­ion von Getrennt­heit und Eigens­tän­digk­eit besteht.

In der “Ich”-Vorstel­lung endet die Suche, wenn alle Wün­sche er­füllt sind. Aber hat das schon jemals funk­tio­niert? Wie lange dau­ert es, bis die Unzu­frie­den­heit wieder auf­flammt, die das “Ich” und damit die Suche in Gang hält? Es ist, wie wenn man einen Luft­bal­lon zusam­men­drückt: Die Luft darin ver­schiebt sich nur an eine andere Stelle. Wenn dieser Mecha­nis­mus durch­schaut wird, dann rich­tet sich die Ver­än­de­rungs­lust schnell auf das “Ich” selbst. Jetzt ver­sucht es, “bes­ser” zu wer­den (beson­ders spi­ri­tu­ell, beson­ders lie­bev­oll …) oder sich im Stre­ben nach Erleuch­tung sogar ganz auf­zu­lösen.
Aber wenn die Suche auch nur für einen Moment auf­hört, dann zeigt sich etwas Über­ra­schen­des: Was gesucht wurde, ist schon hier – die Prä­senz, in der alles er­lebt wird. Alle Bedin­gun­gen und Vor­be­halte, die ans Er­leben gekop­pelt waren, ver­lie­ren ihre Bedeu­tung, und die Gegen­wart, so wie sie gerade erscheint, wird als Erfül­lung erkannt. Die Liebe, die immer gesucht und meis­tens über­se­hen wurde, ist das Er­le­ben selbst! Nichts Be­son­de­res, sondern alles.

(aus “Problemzone Universum – Vorhang auf für die Ich-Vorstellung”)Nondualität, Nicht-Dualität: Problemzone Universum (Cover)

Aus allem schaut dasselbe

Lieber Dittmar,

1.) Zum Thema: Die Erfah­rung zu haben, alles zu sein. Da höre ich dich gleich sagen: “Das ist auch nur eine von vie­len Erfah­run­gen.” 🙂 Also ich höre es immer wie­der mal, dass Men­schen sagen, sie hät­ten diese Erfah­rung. Mir kommt sie sehr erstre­bens­wert und sehr ver­lo­ckend vor. Wür­dest du sagen, dass es eine Erfah­rung ist, die kommt und geht und uner­heb­lich für das Erwa­chen ist? (Bei der Frage merke ich natür­lich ein “Haben wol­len” bzw. ein “Hin­kom­men wollen”.)
Ich frage mich manch­mal, ob diese Erfah­rung nicht ein­fach so geschieht, wenn sich “Bewusst­sein bewusst bewusst ist”, wie du es mal so schön aus­ge­drückt hast. Also eine Erfah­rung, die “ich” öfters mache. Doch meis­tens denke ich doch, dass es eine beson­dere Erfah­rung ist. Am Anfang meiner Sat­sang-Zeit hatte ich ja auch öfter beson­dere Erfah­run­gen davon, jeman­den anzu­se­hen und das Gefühl zu haben, ich schaue mich an oder das Sehen, dass das Gött­li­che durch alle Men­schen schaut und alle Aus­druck des Gött­lichen sind.

Das führt mich gleich zu der zwei­ten Frage:

2.) Du erwähn­test beim letz­ten Gesprächs­abend die Erfah­rung, dass aus allem das­selbe schaut … Ich bin mir gerade nicht sicher, ob ich da weiß, was du meinst. Ich sehe es so, dass das wie­der etwas ande­res ist als meine Erfah­rung damals. Und mein Gefühl ist, dass diese Erfah­rung mir irgend­wie auch ver­traut ist – wenn ich der Fein­heit der Erfah­rung traue … Wie ist deine Erfah­rung dazu ?

3.) Die dritte Frage ist nicht so leicht zu for­mu­lie­ren – aber ich ver­such’s mal: Wenn du sol­che Sachen sagst wie: “Statt Gedan­ken zurück­wei­sen lie­ber dem ver­trauen, was jen­seits der Gedan­ken ist” oder “Glück ist, wenn die Gegen­wart inte­res­san­ter ist als das, was gedacht wird”, dann liebe ich das! Aber ist da nicht auch bei mir der Ich-Gedanke am Werk, der sieht, dass es bes­ser ist, mit der Auf­merk­samk­eit in der Gege­nwart zu ruhen? Oder ist es eher so gemeint, dass das von dir (als ein Aus­druck des Lebens) gesagt wird und dann von uns (als Aus­druck des Lebens) gehört wird? Das soll hei­ßen, dass es das Leben zum Leben sagt…..

Ganz liebe Grüße


Lieber …

Das Erleben, dass da nur Eins ist, das sich in unend­lich vielen For­men zeigt, IST das Erwa­chen (in meiner Beschrei­bung). Dass alle “ande­ren”, alle Empfin­dun­gen, Wahr­neh­mung­en, Gedan­ken usw., alles Aus­drucks­for­men des­sel­ben Abso­lu­ten sind. Aus­druck der einen lie­be­vol­len Leben­dig­keit, die alles erfüllt, alles ist. Das wird klar und fühl­bar, sobald sich die Auf­merk­sam­keit dem Bewusst­sein zuwen­det und “Bewusst­sein bewusst bewusst” ist. “Alles ist Das”, “alles ist Ich”, “alles ist Du” … das ist alles das­selbe.

Wenn die Auf­merk­sam­keit sich auf  eine spe­zielle Erschei­nung­(sform) kon­zen­triert, dann kann dieses Erken­nen des Einen als Eins in den Hin­ter­grund tre­ten. Aber es erscheint nie “anders”, nie als ob etwas die Getrennt­heit bestä­ti­gen würde oder die Illu­sion glaub­haft machen würde. Das, was “andere” anschaut, ist das­selbe, was durch sie zurück­schaut. Was schaut ist was schaut. Da ist nur Schau(en). Die Erfah­rung ist ver­traut und immer wie­der ganz neu, nie “Jaja, ich weiß schon”; sie “bleibt” ein­zig­ar­tig und nutzt sich nicht ab. Und sie ist nie “weg”, sondern manch­mal im Hin­ter­grund und manch­mal im Vor­der­grund des Erlebens.

Ich erkenne kein­en Unter­schied zwi­schen Frage 1.) und 2.), viel­leicht hilfst du mir da auf die Sprünge?

Frage 3.) Ja, das Leben sagt es zum Leben. 🙂
Wenn jemand sagt: “Weißt du, was super schmeckt? Wenn du ein Fit­zel­chen Zitron von Schale in den Espresso tust!” (Bonus­frage: Zitat aus wel­chem Film?), dann kann der Gesprächs­part­ner sagen:
a) “Ok, das probiere ich mal aus!”
b) “Stimmt, das ist auch meine Erfah­rung!” / “Mir schmeckt das gar nicht!”
c) “Ich will das nicht aus­pro­bieren!”
d) “Aber da ist ja niem­and, der das aus­pro­­bieren kann!”

Bei Antwort d) weißt du: Der hat Advaita­-Bücher gelesen.
Natür­lich kön­nen Empfeh­lun­gen hilf­reich sein! Natür­lich brau­chen sie kein “Ich”, um aus­pro­biert zu wer­den! Und natür­lich kann ein “Ich”-Gedanke sie sich aneig­nen, so wie er sich alles aneig­nen kann, auch den Gedan­ken “Da ist ja nie­mand, der das aus­pro­bie­ren kann! … und ich bin jemand, der das erkannt hat.” Aber Aus­pro­bie­ren kann gesche­hen und geschieht.
Es stimmt auch, dass Empfeh­lun­gen die Illu­sion eines Machers ver­stär­ken kön­nen – vor allem wenn es um angeb­liche Schritte geht, die der Macher tun kann, um seine Abwe­sen­heit zu erkennen.

Die Beschrei­bung, dass die Gegen­wart inte­res­san­ter ist als die Gedan­ken, lenkt die Auf­merk­sam­keit auf eine ein­fa­che und sofort über­prüf­bare Tat­sa­che, so wie die Aus­sage: “Da ist die Schwer­kraft, sie ist spür­bar.” Die Aus­sage kann gedank­lich auf­ge­fasst wer­den: “Ok, das werde ich bei Gelegen­heit mal anwen­den!”, oder erlebt wer­den. Gedank­lich auf­ge­fasst ist es halt nur ein Gedanke mehr.
Erlebt ist es ein Erken­nen der Wirk­lich­keit. Ein Erken­nen der Liebe im Moment und zum Moment, ein Wieder-Erken­nen der Liebe dies­seits und jen­seits von Gedan­ken. Und ein momen­ta­nes Los­las­sen der Gewohn­heit, Gedan­ken mehr zu ver­trauen als dem ErLeben. Liebe, Frie­den, Frei­heit sind im gegen­wär­ti­gen Schauen. Das ist, was alle wollen. Nur suchen viele in Gedan­ken nach Wegen, die zu Liebe, Frieden und Frei­heit füh­ren. Die Reak­tion auf “Schau!” ist Schauen (ohne “jeman­den, der schaut”) … oder eben Gedan­ken, die be­grün­den, warum Schauen nicht möglich / nicht nütz­lich / nicht nötig ist.

Eins noch zum Haben-Wollen: Tau­send Beschrei­ber beschrei­ben ihr Erle­ben auf tau­send Arten. Ich habe mal von einem gele­sen, der seit dem Erwa­chen alles in glei­ßen­dem Licht sieht, was beim Schla­fen läs­tig sein könnte. Das ein­zige Kri­te­rium, das ich inte­res­sant finde, ist: Ist es Liebe, dann ist es Wach­heit. Alles andere ist egal.
Natür­lich will jeder Liebe erle­ben, weil er Liebe ist.

Liebe & Grüße!
Dittmar

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Die Antwort auf alle Fragen

Lieber Herr Kruse,

heute Vormittag habe ich Ihr Buch “Glück ohne Schmied” gelesen. Obwohl “ich” (ich verzichte künftig auf die Anführungs­zeichen, Sie kennen ja das Dilemma der Spra­che) mit dessen Grund­aus­sagen bereits lange vertraut bin, hat mich die Lektüre doch wieder daran erin­nert, den Fokus genauer auf die Wahr­neh­mung, auf das direkte Erle­ben, zu rich­ten und dadurch das perma­nente Wunder des Seins zu erkennen. Dafür danke ich Ihnen herz­lich! Sie laden den Leser am Ende Ihres Buches dazu ein, Ihnen zu schreiben und auf­tau­chende Fragen zu stellen. Diese Gele­gen­heit möchte ich gerne wahrnehmen.

Seit einem “Einheitserlebnis” vor vier Jahren habe ich das “Sein” für ca. eine Stunde direkt erlebt, ohne ein­engende, da nicht „ernst genom­mene“ Gedan­ken (resp. Geschich­ten, Konzepte etc.). Seit­dem ist mir bewusst, dass es nur den jetzigen Moment gibt, dass Ver­gan­gen­heit und Zukunft nur Geschich­ten sind, genauso wie das Kon­zept des „Ich“. Besonders ent­schei­dend war für mich die Ein­sicht, dass auf­tau­chende Gedanken über­haupt kein „Problem“ sind. Pro­ble­ma­tisch kann’s erst dann werden, wenn man diese Gedan­ken (etwa den „Ich-Gedanken“) für mehr nimmt als eben – einen Gedanken.

So weit, so gut. Woran ich dann aber doch immer wieder hängen­bleibe, sind Fragen, die sich auf die “Wirk­lich­keit” der Welt bezie­hen. Gibt es die Welt über­haupt? Gibt es den eigenen Kör­per? Oder sind auch dies nur Gedan­ken­ge­bilde, Kon­zepte? Für mich spitzte sich diese Frage vor allem zu einer Frage zu: Sind meine Gedan­ken die Pro­dukte meines Gehirns oder ist mein Gehirn das Pro­dukt meiner Gedan­ken? Aus kon­se­quen­ter (meinet­wegen: phä­no­me­no­lo­gi­scher) Per­spek­tive müsste m.E. die zweite Ant­wort die richt­ige sein. Alles ist letzt­lich ein Gedanken­kon­zept, das eben im Jetzt, im direk­ten Erle­ben, auf­taucht, aber gewis­ser­ma­ßen keinen “onto­lo­gi­schen Sta­tus” besitzt. Und dies gilt denn auch für Kon­zepte wie Kausa­li­tät und Zeit. Würden Sie dieser Eins­chät­zung zustimmen oder nicht so weit gehen?

Besonders intensiv taucht “hier” immer wieder die Frage nach der “Wirk­lich­keit” des “ander­en Men­schen” auf. Ich bin mir mitt­ler­weile bewusst (diese para­doxe For­mu­lie­rung ist freil­ich nur der Spra­che geschul­det), dass es das “Ich” als Ins­tanz nicht gibt, dass das “Ich” ledig­lich ein Kon­zept ist wie “Du” und “Menschen” all­ge­mein. Das Ein­zige, was ich nicht nur als Kon­zept erlebe / begreife, ist das “direkte Erle­ben”, die Wahr­neh­mung mit all ihren Aspek­ten (formu­liere ich es so, ist es natür­lich nicht mehr die direkte Wahr­nehmung – das ewige Dilemma der Mys­tik …). Aber: Die “direkte Wahr­nehmung” ist “hier”, das ist mir ein­deu­tig evi­dent, gerade weil sie kein Nach-Denken benö­tigt. Inwie­fern kann ich aber wissen, ob es die “direkte Wahr­neh­mung” “dort” (beispiels­weise “bei Ihnen in München”) auch gibt?

Ist das nicht einfach wieder nur ein Gedanke, der eben “bei mir hier” auf­taucht, aber eben nur ein Kon­zept ist? Oder aus Ihrer Per­spek­tive for­mu­liert: Können Sie wissen, ob “dort” (bei­spiels­weise “bei mir in Berlin”, eben nicht bei Ihnen) eben­falls direk­tes Erleb­en statt­findet? Und wenn dies nicht mög­lich ist, liefe das nicht auf ein solip­sis­ti­sches Welt­bild heraus – freilich auf einen Solip­sismus ohne Ich?

Lieber Herr Kruse, ich weiß weder, ob ich Ihnen das Pro­blem, das hier immer wieder auf­taucht, einige­rmaßen ver­ständ­lich machen konnte. Noch weiß ich, warum ich Ihnen dieses Pro­blem über­haupt mit­teile. Viel­leicht ist hier die Hoff­nung auf eine Ant­wort, die das ewige Fragen end­lich zur Ruhe brin­gen könnte. Jeden­falls tauchte der Impuls auf, Ihnen diese Mail zu schrei­ben. Viel­leicht haben Sie ja den Impuls, darauf zu rea­gieren? Ich würde mich sehr darüber freuen!


Danke für Ihre Fragen!

Wie Sie schreiben: “Problema­tisch kann’s erst dann werden, wenn man diese Gedan­ken (etwa den ‘Ich-Gedanken’) für mehr nimmt als eben – einen Gedanken.”
Das gilt ebenso für Fragen wie: “Gibt es … oder nicht?” Auch das sind ja Gedanken.

Ihr Einheits­erlebnis hatte ja wahr­schein­lich nichts damit zu tun, dass Sie auf jede mög­liche Frage eine Ant­wort wussten. Das ist die gedank­liche Vor­stel­lung von Klar­heit: auf jede Frage eine ein­deu­tige Antwort zu haben.

“Wenn Antwort A richtig ist, dann muss Antwort B falsch sein” – so die Sicht­weise und Logik von Gedan­ken. “Ent­we­der A exis­tiert oder A exis­tiert nicht.” “Ist das Illu­sion oder Realität?”

“Das permanente Wunder des Seins”, wie Sie es nennen, besteht ja nicht darin, eine Erklä­rung für alles zu haben. Sondern im Staunen über die schil­lernde Unbe­greif­lich­keit und Unbeg­riff­lich­keit des Seins, mani­fes­tiert in der zeit­losen Gegenwart.

Im Wunder des Einen als Viel­heit (1als2 heißt meine Webseite), in all diesen Para­do­xien. Nicht im “Entweder-Oder”, sondern im “Sowohl-Als auch” und im “Weder-Noch”.

“Sind meine Gedan­ken die Pro­dukte meines Gehirns oder ist mein Gehirn das Pro­dukt meiner Gedanken?”

Ja, beides. Und weder noch. Je nachdem. Ein Gehirn scheint sehr wich­tig, um Gedanken pro­du­zie­ren zu können. Das zeigt sich deut­lich, wenn das Gehirn in seiner Leis­tungs­fä­hig­keit beein­träch­tigt wird, z.B. durch Alko­hol, orga­ni­sche Schä­di­gun­gen wie Schlag­an­fall oder ein­fach nur durch Müdig­keit. Wenn das Gehirn nicht gut funk­tio­niert, wirkt sich das dras­tisch auf die Gedanken aus. Und gleich­zei­tig tauchen all diese Gedan­ken an und über das Gehirn ja eben gerade als Gedan­ken auf: “Mein Gehirn” ist ein Gedanke.

Dass etwas direkt erlebt wird, heißt nicht, dass es wahr ist (siehe Hallu­zi­na­tio­nen); dass etwas nicht direkt erlebt wird, heißt nicht, dass es nicht exis­tiert. “Wenn ein LKW auf Sie zu rast, schlie­ßen Sie ein­fach die Augen und hal­ten sich die Ohren zu, dann ist er ver­schwun­den!” – ich würde mich nicht darauf verlassen.

Die einzige verläss­li­che “Tat­sache” scheint mir: Da ist Erleben. Ob das ein Traum ist, ein Gedanke oder Buch­sta­ben auf einem Moni­tor: Da ist wirk­lich Erle­ben; Leben­dig­keit, die jetzt gerade erlebt und erlebt wird.

Und was erlebt wird, ist ein Zusammen­spiel von allen Sinnes­ein­drücken, die gerade da sind. Diese Eindrücke sind das Zusammen­spiel vom Organis­mus und seiner Umwelt. Das kann von Gedan­ken unter­teilt werden: Hier Orga­nis­mus, dort Umwelt. Im direk­ten Erle­ben ist immer bei­des gleich­zei­tig da und spielt zusammen. Bei­des taucht im Bewusst­sein / als Bewusst­sein auf. Die­ses Bewusst­sein mani­fes­tiert sich als Erschei­nun­gen, die durch einen bestimm­ten Orga­nis­mus wahr­genom­men werden; die Erschei­nungen sind nicht unab­hängig vom Orga­nis­mus und vom Bewusst­sein. Und der Orga­ni­smus ist selbst eine Viel­zahl von Erscheinungen.

Was Sie über “mich hier in München” denken, ist natür­lich ein Gedan­ken­kon­strukt, ebenso wie meine Gedan­ken an “Sie dort in Berlin” (und “meine” Gedan­ken an “München” und “mich” und “sons­tige Gedanken”).
Ich verwechsle Sie nicht mit den Gedanken an Sie, gehe aber (sagen wir mal “intui­tiv”) davon aus, dass bei Ihnen eben­falls direk­tes Erle­ben ist. Bewei­sen könnte ich es nicht, for­dert ja auch keiner.

Mein Bild zu unseren bei­den Orga­nis­men ist wie zwei Äste an einem Baum. Die erle­ben unter­schied­li­che Dinge: Auf einem landet gerade ein Vogel, der andere ver­liert ein paar Blätter im Wind … Und doch sind beide Mani­fes­ta­tio­nen des­sel­ben Baums und SIND derselbe Baum. 1als2.

Um meine Antwort in einem Satz zusam­men­zu­fassen: Die Wirk­lich­keit liegt jen­seits von Gedan­ken und kann von ihnen nie erfasst wer­den. Daher sind Gedan­ken hilf­reich zum Pla­nen, aber laden sonst oft nur zur Ver­wir­rung ein. Ok, ich dachte, es würde nur ein Satz.


Lieber Herr Kruse,

ganz herzlichen Dank für Ihre schnelle und aus­führ­liche Antwort! Ich finde es wirk­lich klasse, dass Sie so detail­liert auf meine Fragen ein­ge­gan­gen sind, und das auch noch an einem Feiertag.

Ihre Nach­richt hat eine para­doxe Wir­kung auf mich: Einer­seits löst vor allem Ihre Erin­ne­rung, dass natür­lich auch Fragen wie “Gibt es / Gibt es nicht?” ledig­lich Gedan­ken, also dua­lis­ti­sche For­men, sind, große Erleich­te­rung in mir aus – so, als ob ich mir durch diese Erkennt­nis nun nicht mehr die Mühe machen muss, mir diese Fragen stän­dig zu stellen. Anderer­seits verur­sacht gerade diese Erkennt­nis aber auch, dass Unruhe und Ent­täu­schung in mir auf­stei­gen, verb­un­den mit dem Gedan­ken, dass ich dann ja “nie etwas sicher wis­sen” kann. Und die wei­tere Erkennt­nis, dass frei­lich auch dies nur ein Gedanke ist, kann mich (im Moment zumin­dest) lei­der auch nicht beruhigen.

Und trot­zdem ist da eine Ahnung in mir, dass genau diese Ein­sicht, dass letzt­gül­tige Ant­wor­ten nie­mals gefun­den wer­den kön­nen, zur Ruhe führt oder, um es schön para­dox zu for­mu­lie­ren: dass die Lösung aller Fragen ist, dass es keine Lösung gibt.

Dies nur als kurzes Feed­back. Ich werde mir Ihre Sätze noch häu­fig “durch den Kopf gehen lassen”. Nochmals ganz herz­lichen Dank für Ihre Ant­wort und auch für den Hin­weis auf Ihre Webseite, auf die ich schon sehr gespannt bin.


Ich antworte Ihnen gerne, gerade am “Tag der (deutschen) Einheit”!

“Die Lösung aller Fragen ist, dass es keine Lösung gibt.” … Ich würde sagen: Die Lösung solcher Wirk­lich­keits­fragen ist zu erken­nen, dass Gedan­ken eine abstra­hierte, ver­zerrte Schein­welt erzeu­gen, die der Wirk­lich­keit ähnelt, aber sie nicht erfas­sen kann.
Und dass gedank­liche Ant­wor­ten auf gedank­li­che Fra­gen der Wirk­lich­keit bes­ten­falls eini­ger­ma­ßen ähneln, aber nie, nie, nie, nie, nie die Wirk­lich­keit erfas­sen, die jen­seits der Gedanken liegt.

Sich an Gedanken zu halten, die Sicher­heit ver­spr­echen (“DIE Antwort”), führt zu Dogmen und zu Dogmatik.
Und fürs Denken ist das viel­leicht erst mal frus­trie­rend zu erken­nen: Es gibt Berei­che, in denen das Werk­zeug “Denken” nicht greift.
Dann kann es aber auch sehr erleich­ternd sein. Denn das Den­ken braucht sich nur noch um die Berei­che küm­mern, für die es zustän­dig ist: Planung usw., und muss nicht mehr für ALLES zustän­dig sein.

Das Denken hat Fragen, die im Denk-Modus fas­zi­nie­rend und vor allem wich­tig erschei­nen und oft über­haupt nur im Den­ken exis­tieren: “Der Dorf­bar­bier rasiert die Män­ner, die sich nicht selbst rasie­ren. Rasiert er sich selbst?”
Und das Denken kann mit sol­chen Fragen spie­len, wenn es Spaß daran hat, aber dabei wird es keine Sicher­heit oder die Antw­ort auf alles finden (die bekannt­lich “42” ist).

Die faszinierendste aller Fragen finde ich: Was ist “JETZT”?, eben weil alle gedank­li­chen Ant­wor­ten darauf völlig unzu­reichend sind und die einzig interes­sante Ant­wort nur in der gegen­wär­ti­gen Offen­heit besteht.
Die Antwort ist Stille. Stille für das, was sich jetzt zeigt.

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Dies

Nondualität | Gedichte: Dies

Dies ist die Oberfläche von Nichts
Ein hauchdünner Film
Über Stille
Nichts dahinter und alles darin.

Dies ist die Form
Die Dein Blick annimmt.

Diese Worte fallen in Dich
Schweben
Und verwandeln sich
Und Nichts bleibt.

Dies ist Erleben
Das ist alles.

alle Gedichte

Dittmar Kruse

NLP-Trainer  (Lehr­trainer DVNLP und NLP Inter­na­t­ional), Lehr­coach,
Heil­prak­ti­ker für Psy­cho­the­rapie in München. (Details hier).

Autor von Hör­bü­chern, CDs und bis­her drei Büchern:
Glück ohne Schmied
Problemzone Universum
Der Teen-Coach
(Mehr dazu unter KruseVerlag.de)

Nondualität & NLP: Dittmar Kruse

Fragen? Kommentare? Anmeldung?

Das Unterbewusstsein

Lieber Dittmar,

danke für die auf­schluss­rei­chen Ein­blicke! Ich schätze dich sehr als jeman­den, der Non­dua­li­tät ver­kör­pert, ohne sich auf einen Guru-Sockel zu stel­len. Momen­tan scheint es für mich aber trotz­dem nicht anzu­st­ehen, an dein­em öffent­lichen Chat teil­zu­neh­men.

Zwei Fra­gen habe ich trotz­dem:
Obwohl die ge­trenn­te Ich-Ins­tanz eine Illu­sion ist, wird gemein­hin von einem ener­ge­ti­schen Tod ge­spro­chen, der not­wen­dig ist, be­vor jemand das All-Eins-Sein komp­lett ver­kör­pern kann. Wie siehst Du das? Und was ist mit dem Unter­be­wusst­sein? Gren­zen­los­es Bewusst­sein schließt doch das Unter­be­wusst­sein mit ein – ist es inso­fern nicht wich­tig, das per­sön­li­che und das kol­lek­tive Un­be­wusste zu inte­grieren, damit Ganz­heit rea­li­siert wird?

Danke und herzliche Grüße


Danke für deine Mail!

Wie immer halte ich es für sinn­voll, mög­lichst wenige Kon­zepte zu ver­wen­den und statt­des­sen zu schauen, was wirk­lich er­lebt wird. Und wenn ein Be­griff wie “Unter­bewusst­sein” ver­wen­det wird, ihn zu de­fi­nie­ren, um zu schauen, ob wir das­selbe meinen.

Die ein­fachste De­fi­ni­tion fin­de ich “Das, was gerade nicht bewusst ist” und würde  das syno­nym ver­wen­den mit “Das, wo die Auf­merk­sam­keit gerade nicht ist”.
Der Begriff “Unter­be­wussts­ein” klingt so, als wäre das ein Wesen statt ein­fach nur “Das, was (jetzt gerade) nicht bewusst ist”.
Mit ande­ren Wor­ten finde ich den Begriff “Unter­be­wusst­sein” unnötig, und “Das Un­bew­usste” auch, so wie es kei­nen Be­griff braucht für “Das, was gerade nicht wahr­ge­no­mmen wird”.

Viel­leicht ist deine De­fi­ni­tion von “Un(ter)­be­wusst­sein” auch ganz anders, was ver­stehst du denn darunter?

Meine Beschrei­bung: Da sind Mus­ter, Gewohn­heiten, Auto­ma­tis­men der Auf­merk­sam­keit und der Reak­tio­nen auf das Wahr­ge­nom­mene. Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten, Über­ze­ugung­en, die voraus­ge­setzt und nicht hin­ter­fragt wer­den.
Man­che Mus­ter kön­nen bewusst wer­den (z.B. Atem-Muster, Denk- und Sprech­wei­sen), man­che nicht (z.B. Auf­schlüs­seln der Nah­rung nach Nähr­stof­fen und Abfall).

Zum “ener­ge­ti­schen Tod”: Er ist das Ende der Illu­sion, dass es “meine” Ener­gie inmit­ten von “ande­ren” Ener­gien gibt. Das Er­le­ben des einen Ener­gie­meers, von dem nichts aus­ge­nom­men ist, und der Stille darin, von der nichts aus­genom­men ist.

Die Ener­gie fließt auch in Mus­tern, die Wir­bel bil­den oder stag­nie­ren kön­nen (siehe oben). Die­se Mus­ter sind nicht ge­trennt vom Gesamt­gesche­hen, von der momen­ta­nen Energie-Konstel­la­tion, nur gehen dys­funk­tio­nale Mus­ter von anderen Gege­ben­hei­ten aus: von der Situ­a­tion zu der Zeit, als sie ent­stan­den sind; von der Not­wen­dig­keit, etwas zu ver­tei­di­gen oder zu be­kämp­fen oder zu igno­rie­ren und sonstigen Irrtümern.

Dafür kann es ein Up­date geben: In der Er­kennt­nis, dass die Mus­ter etwas ganz Un­per­sön­li­ches sind, im Er­ken­nen der einen Lee­re in allen Erschei­nun­gen, in allen Mus­tern, kann die Ener­gie spon­tan in neuen Bah­nen flie­ßen, die sich stimmig, friedl­ich und lie­bev­oll anfühlen.

Herzliche Grüße
Dittmar


Hallo Dittmar,

herz­­li­chen Dank für die auf­schluss­rei­chen Im­pul­se. Wenn Du für Deine in­ves­tier­te Zeit einen fi­nan­ziel­len Aus­gleich möch­test, lass mich bitte Dein­e Kon­to­nu­mmer wissen.

Zum Thema “ener­ge­ti­scher Tod und über­per­sön­liche Energie-Muster” kann ich gut nach­voll­zie­hen, was Du meinst.

Mit dem Unter­be­wusst­sein meine ich das, was Eckhart Tolle den Schmerz­kör­per nennt. Das, was mich ent­we­der zur Täterin oder zum Opfer macht, was sich manch­mal wie ein Dämon an­fühlt und manch­mal wie ein quen­ge­li­ges Klein­kind. Ent­spre­chende Pro­jek­ti­onen ge­hören für mich eben­falls zum Be­griff Unter­be­wusst­sein. Die Aus­ein­an­der­set­zung mit neu­eren Erkennt­nis­sen aus der Trauma­for­schung hin­sicht­lich mei­ner eige­nen trau­ma­tis­chen Ener­gien ist mei­ne per­sön­li­che psy­cho­lo­gi­sche Ebene die­ses Phä­no­mens Schmerz­körper.

Konkreter aus­ge­drückt erlebe ich z.B. in Be­geg­nun­gen oft­mals eine feind­se­li­ge Hal­tung in mir, ob­wohl ich ei­gent­lich freund­lich sein möch­te, und habe dann kei­nen Ein­fluss auf mein Ver­hal­ten. Oder wenn ich Angst habe im Um­gang mit Men­­schen, be­kom­me ich ein ganz stren­ges Ge­sicht – ein Phä­no­men, wel­ches ich als sog. “Täter­intro­jekt” inzwi­schen durch­aus ein­zu­ordn­en weiß.

Wenn ich mir aller­dings das be­din­gungs­lo­se Eins­sein aller Men­schen mit dem ein­zig Einen be­wusst mache und mich in die­sem Be­wusst­sein mit­tels ent­spre­chen­der Affir­ma­tio­nen ver­an­ke­re, er­le­be ich durch­aus Lie­be im Sin­ne von Eins­sein, sowie Frie­den und Angst­frei­heit im Um­gang mit Menschen. Das ist aber noch nichts Selbst­ver­ständ­li­ches in mir, die al­ten sozial­pho­bi­schen Mus­ter über­la­gern oft­mals noch das, was ich als “meine” sog. wah­re Na­tur durch­aus be­reits er­fah­ren habe.

Verstehe ich Dich rich­tig, dass es für die voll­stän­di­ge Rea­li­sie­rung die­ses All-Eins-Seins nichts zu tun und nichts zu las­sen gibt? Momen­tan ten­diere ich aller­dings da­zu, mich mit den oben erwähn­ten Affir­ma­tio­nen wei­ter darin zu üben, DAS zu rea­li­sie­ren, was ich bereits BIN.

Danke für alles und herzliche Grüße


Ich danke dir eben­falls für die interessan­ten Fra­gen … und für das Aus­gleichs-Angebot! Ich freue mich, dir zu ant­wor­ten, es braucht kei­nen wei­te­ren Aus­gleich.

Danke auch für deine (und Eckhart Tolles) Defi­ni­tion von “Unter­be­wusst­sein” bzw. “Schmerz­kör­per”! Die Vor­stel­lung, die durch diese Be­grif­fe sug­ge­riert wird, ist: Da gibt es etwas Nega­ti­ves, das am bes­ten ge­löscht wer­den soll­te. Ohne Schmerz­kör­per, ohne Dä­mon, ohne quen­geliges Kind wären wir besser dran.

In solchen Kon­zep­ten (oder auch “Teil­per­sön­lich­kei­ten”, “Schat­ten” usw.) wird als Wesen be­schrie­ben, was nur ein Mecha­nis­mus ist. Eine ge­lern­te Rea­kt­ion, die in der Si­tu­a­tion, in der sie ge­lernt wur­de, als bes­te oder ein­zi­ge Mög­lich­keit er­schien, und im Licht aktu­el­ler Er­fah­run­gen nicht mehr passt, weil an­d­ere Mög­lich­kei­­ten er­kannt wur­den. Die­sel­ben ge­lern­ten Tanz­schritte, ob­wohl längst ganz andere Musik spielt.

So gesehen ist ein “Täter­intro­jekt” Modell-Lernen, das Ler­nen von Vor­bil­dern. Zum Bei­spiel: Be­stra­fung als Mit­tel, un­er­wünsch­tes Ver­hal­ten ab­zu­stel­len. Et­was, an das “eigent­lich” gar nicht ge­glaubt wird, das aber wei­ter läuft, so­lan­ge es nicht über­prüft und / oder aktu­alisiert wird.

Ich habe noch einen Begriff, den ich statt “Unbewuss­tes / Unter­be­wusst­sein” ver­wenden würde: Impli­zites Wis­sen. Das Wis­sen, das voraus­ge­setzt wird, ohne dass darü­ber re­flek­tiert wer­den muss. Zum Bei­spiel das Wis­sen, wo du gerade bist. Ein an­de­res Bei­spiel: Mir ist nicht be­wusst, wel­che Tas­ten auf der Tas­ta­tur links und rechts vom “P” lie­gen; trotz­dem gibt es das imp­li­zi­te Wis­sen darü­ber, so dass ich diese Tas­ten “blind” benut­zen kann, wenn ich sie brauche.
Und dieses “im­pli­z­ite Wis­sen” kann ve­ral­ten durch neue Ge­ge­ben­hei­ten, zum Bei­spiel wenn ich ei­ne eng­li­sche Tas­ta­tur be­nutze: Dann ist rechts ne­ben dem “P” ein an­de­res Zei­chen (das ich jetzt auch nicht weiß, aber bei Be­darf ver­wenden könnte).

Wenn das Ver­hal­tens- oder Auf­mer­ksam­keits­muster, das ab­ge­ru­fen wird, dys­funk­tio­nal ist (schmer­zhaft, gewalt­tä­tig o.ä.), dann ist ein Up­date sinn­voll, eine Inte­gra­tion des Auto­ma­tis­mus ins aktu­elle Erleben.

Das kann, wie du schreibst, durch eine Af­fir­ma­tion ge­sche­hen, eine Be­kräf­ti­gung des­sen, was du in­zwi­schen weißt /er­kannt hast. Diese Af­fir­ma­tion oder Er­in­ne­rung kann zu einer neuen Aus­rich­tung der Auf­merk­sam­keit füh­ren und da­mit zu einem ak­tua­li­sier­ten Den­ken, Er­le­ben, Füh­len, Ver­hal­ten. (Affir­ma­tio­nen kön­nen aller­dings auch ein Ver­such sein, das mome­ntane Er­leben zu leug­nen und sich davon abzuwenden.)

Die Aktua­li­sie­rung (das Up­date) kann da­rin be­ste­hen, zu über­prü­fen, was im al­ten Pro­gramm voraus­ge­setzt war, zum Bei­spiel: Bin ich in einer feind­li­chen Um­ge­bung? Gibt es et­was zu ver­tei­di­gen oder auf­recht zu er­hal­ten? Wel­che Be­din­gun­gen werden vom Mus­ter ge­stellt? Bei die­ser Über­prü­fung kann NLP helfen, oder auch “The Work” nach Byron Katie.

Das Update kann auch sein, mit neuen Au­gen zu schauen und sich dem ak­tu­el­len Er­le­ben mit For­scher­geist zu­zu­we­nden: Was er­leb­e ich jetzt? Wel­cher Ge­dan­ke ist ge­ra­de im Spiel? Ist er ein Bild, eine Stim­me, beides? Wie rea­giert der Kör­per darauf? Was ist da sonst noch? … Ohne Ver­bot, das zu er­leben, und ohne den Ver­such, die­je­ni­gen zu be­stra­fen, die die­se Ge­füh­le schein­bar aus­ge­löst ha­ben. Die­se offe­ne, freund­li­che Auf­merk­sam­keit für das ak­tu­elle Er­le­ben ist schon das Update, die Ak­tu­ali­sierung – und erfüllt den Wunsch nach lie­be­voller Zuwendung.

“Ver­ste­he ich Dich rich­tig, dass es für die voll­stän­di­ge Rea­li­sie­rung die­ses All-Eins-Seins nichts zu tun und nichts zu lassen gibt?”

Das All-Eins-Sein umfasst al­les (wie der Be­griff schon sagt) und schließt nichts vom Er­le­ben aus. Auch z.B. das Gefühl, ge­trennt oder über­for­dert zu sein, darf im Er­le­ben auf­tau­chen. Ler­nen ge­schieht, wenn die­ses Gefühl nicht isol­iert erlebt wird, son­dern im Zusammen­hang mit den Bedin­gun­gen, die ans Erle­ben gestellt wer­den (wie es sich anfüh­len soll, wie andere mir begeg­nen sol­len …), als wären die Bedin­gun­gen wich­ti­ger und das Eins­sein gerade nicht “Thema”.

Der Organis­mus ist an­ge­zogen vom Er­le­ben des Eins­seins, von Liebe. Er kann sich daran orien­ti­eren; Auf­merk­sam­keit und Ver­hal­ten kön­nen sich auf die Ge­gen­wart der Lie­be aus­rich­ten, statt nur mecha­nisch und re­fle­xhaft zu re­agie­ren. Er erlebt die Wei­te, die darin liegt, und lernt. Oder er lernt: “So fühlt es sich an, die­sen Gedan­ken und Bedin­gun­gen zu glau­ben” – und lernt aus dem Kon­trast zwi­schen Enge und Weite.

Das ist übri­gens ein Punkt, mit dem viele nicht ein­ver­stan­den sind: In Advaita-Kreisen hat “Ler­nen” einen schlech­ten Ruf; das Wort klingt nach Ar­beit und kann die Vor­stel­lung mit sich brin­gen, noch nicht “am Ziel” zu sein, noch etwas er­rei­chen zu müs­sen. Und es er­weckt viel­leicht die Vor­stel­lung einer Zu­kunft, für die ge­lernt wird.

Ich spreche aber vom Ler­nen für “Jetzt”. Das Leben ist ler­nen­de Intel­li­genz, ganz ohne Zu­tun. Er­leben ist Ler­nen, so wie ein Musi­ker lernt, wenn er ein­fach nur spielt … und dabei zuhört.

Dieses Ler­nen ge­schieht von selbst: ein Ler­nen aus Liebe zur Musik, zum momen­tanen Er­le­ben. Lernen aus Liebe.


Hallo Dittmar,

vielen, vielen Dank für die er­hel­len­den Er­läu­te­run­gen. Die Gros­chen fallen – manchmal nur cent­weise, manch­mal auch schlag­ar­tig.
 
Was das von Dir be­schrie­be­ne Up­date an­geht, fühle ich mich weni­ger zu Byron Katie und all­ge­mei­nem NLP hin­ge­z­ogen als zu Dei­nen Alter­na­tiv­vor­schlä­gen und zu der sog. Core-Transfor­ma­tion, die ich vor eini­ger Zeit schon mal an­ge­spro­chen hatte.
 

Ich wer­de dei­ne Mail wie­der­holt im Hin­ter­kopf be­we­gen und dran­blei­ben an der Er­for­schung der Ich-Illusion …

 

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