Gegen Gedanken kämpfen

Lieber Dittmar,

“der Augenblick ist auch mit den Gedanken wie er ist. Nur Wahrnehmen.” – Was aber, wenn einem das Wahrnehmen einfach nicht auf Dauer gelingen will? Man sich immer wieder in die Gedanken, “das Zusammen­ziehen” verstrickt? Man sich immer wieder mit Gefühlen identifiziert? Man nicht einfach nur in der U-Bahn sitzen kann?

Es ist sehr schwer. Und das Kämpfen darum macht mich noch ganz verrückt. Weil ich ja weiß, wie entspannt es sein könnte, wenn mein Kopf nicht ständig woanders wäre oder ihm mit dem nur Dasein nicht langweilig würde.

Muss man dann nicht doch üben? … So wie die Zenmeister die Meditation empfehlen? Der Körper-Geist-Organismus ist einfach anders trainiert und verstrickt sich immer wieder. Kann das Leben, wie du es bezeichnest, lernen sich nicht zu identifizieren?

Liebe Grüße
Isabell


Liebe Isabell, danke für die Fragen!

Wahrnehmen kann in diesem Zusammen­hang nicht “nicht gelingen”. Auch Gedanken werden wahrgenommen, ebenso wie die Gefühlsreaktionen auf sie, das Zusammenziehen, der Tunnel, den sie bilden.

Diese Wahrnehmungen, dass da Gedanken sind und wie sie sich auswirken, bleiben eher im Hintergrund, solange das Hauptinteresse den Gedanken-Inhalten gilt. Solange es eine Identifikation mit der Person gibt, um die sich die Gedanken drehen (ihre Geschichte, ihre Zukunft …), solange scheint es in Gedanken etwas zu holen zu geben. Und solange dem Versprechen in den Gedanken geglaubt wird, dass sie hilfreich sind, um die Person zu beschützen, solange wird die Person auch weiter vorausgesetzt und für real gehalten.

Identifikation mit Gedanken ist genau dieser Prozess: Die Gefühle reagieren auf Gedanken, als wären sie wahr und ein 1:1-Abbild der Wirk­lich­keit. “Ich” erscheine auf ein kleines, schutzbedürftiges Einzelwesen in einer getrennten Welt reduziert, und der Orga­nismus reagiert darauf mit Anspan­nung und Zusammenziehen.
Das leise Unbehagen beim Dauer-Denken, das Gefühl von latenter Bedrohung, ist gleichzeitig wieder Anlass für Gedanken, “wie ich mich schützen /vorbereiten kann”.

Denken ist auch ein Abwehr-Mechanismus, der die Person beschützen will, für die er sich hält. Das heißt, wenn diese Identifikation ins Wanken kommt (“bedroht” wird), dann wird das Denken schnell aktiv, um die Aufmerk­sam­keit abzulenken. Das kann losgehen mit einem Gefühl der Langeweile: „Die Gegen­wart bietet mir nichts Interes­santes.“ – worin schon ein getrenntes Wesen vorausgesetzt wird, das von der Welt unterhalten werden will.

Der Treibstoff, der Gedanken am Laufen hält, ist der Wunsch, (sich) etwas Gutes zu tun; dafür zu sorgen, dass es dir gut geht. Also eigentlich ein liebevoller Impuls, nur verwirrt durch die Identifikation, durch Irrglauben darüber, wer /was du bist und was du brauchst, um glücklich zu sein.

Wenn gesehen wird, wie oft Gedanken das Gegenteil von dem bewirken, was sie beabsichtigen – wie oft sie eher unglücklich machen –, dann kann der liebevolle Impuls von dieser Verwirrung ablassen und sich dem zuwenden, was wirklich glücklich macht: dem Bewusstsein selbst in seiner gegenwärtigen Erscheinungsform als dieser Moment.

Ja, das ist ein Lernprozess, kein Ein-für-alle-Mal-Ereignis, sondern ein Immer-wieder-Aufwachen. Mit Kämpfen hat das nichts zu tun (so scheint es nur aus der Denk-Perspektive), sondern mit der Bereitschaft, zu lernen, auch aus den Gefühlen, die das Denken mit sich bringt.

Sehr praktisch finde ich es, die Gedanken Kategorien zuzuorden, z.B. “Vergangenheit /Zukunft” (Gedanken, die sich nicht auf die Gegenwart beziehen), “Phantom-Diskussionen” (Dialoge, die mit Abwesenden durchgespielt werden) usw. Dazu habe ich dir ein pdf angefügt:
Gedanken einordnen

Ein anderes Experiment untersucht die Erscheinungsformen von Gedanken: Ist es ein Bild, eine Stimme oder beides? Wie reagiert das Gefühl? usw. Das pdf findest du hier:
Denken untersuchen

Es geht in diesen Experimenten /Übungen nicht darum, sich von Gedanken abzuwenden, nicht darum, ihnen die Aufmerksamkeit zu entziehen, sondern darum, ihnen und ihren Wirkungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Gedanken nicht als Feinde zu behandeln, sondern die Gelegenheit zu nutzen, etwas über sie zu lernen.
Jeder Gedanke ist eine Einladung in zwei Richtungen: Entweder ihm und seinen Nachfolgern weiter zu folgen oder wach zu werden für die gegenwärtige Wachheit, in der sie sich abspielen.

Meditation halte ich für etwas, das dem Organismus sehr gut tut. Sie kann über das Stillsitzen hinaus ein ständiges Lernen sein.
Ja, das Leben kann lernen, sich nicht zu identifizieren. Das geschieht z.B. durch den direkten Vergleich, durch den Kontrast: So fühlt sich Identifikation an … und so das Wunder der Gegenwart, in der alles lebt.
Und wenn du den sinnlichen Aspekt der Wachheit genießen möchtest, habe ich noch dieses Experiment für dich, das die Aufmerksamkeit in die Gegenwart einlädt:
Gegenwart-Atem

Liebe Grüße
Dittmar

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